06. November | 2017

Kulturelle Grenzen im Fluss? 20 Jahre nach der Flut

Im Sommer 1997 wüten die Hochwasserwellen zunächst in Schlesien, bevor sie schließlich den deutsch-polnischen Grenzraum erreichen. Auf beiden Seiten der Oder waren scheinbar ähnliche Herausforderungen durch das „Naturereignis“ zu bewältigen. Doch wie geht man auf beiden Seiten der Oder mit Herausforderungen wie diesen um? Die Historie des Flusses lässt auf eine Vielfalt von Lebenswelten an der Oder schließen. Gibt es kulturelle Unterschiede? Hatten die Ereignisse selbst gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen zur Folge? Ist die vermeintlich „natürliche“ Barriere der Oder in Zeiten intensiver transnationaler Kommunikation überhaupt auch eine kulturelle? Zu diesen Fragestellungen diskutierten am 3. November 2017 die Organisatoren um Kamil Bembnista und Dr. Thorsten Heimann mit der Literaturwissenschaftlerin Dr. Anna Barcz, dem taz-Journalisten und Autor Uwe Rada und dem Theater- und Dokumentarfilmregisseur Tobias Lenel.

Ausgehend von der Oderflut 1997 beleuchteten die Diskussionsteilnehmer/-innen Gemeinsamkeiten und Unterschiede am Fluss anhand von persönlichen Erfahrungen, historischen Recherchen und Expertisen aus unterschiedlichen Disziplinen. Dr. Thorsten Heimann führte in verschiedene Möglichkeiten der sozialwissenschaftlichen Analyse kulturräumlicher Unterschiede an der Oder ein. Ein wissensorientiertes, relationales Kulturverständnis ermögliche es, geteilte Wirklichkeitsdeutungen und Praktiken im Umgang mit dem Fluss zu erforschen. Diese müssten sich selbstverständlich – auch im Zuge einer Zunahme transnationaler Kommunikation – nicht notwendigerweise auf beiden Seiten der Oder unterscheiden. Demnach könne nicht nur von einer einzigen kulturellen Grenze gesprochen werden, vielmehr ließen sich, je nach betrachtetem Themenfeld, vielfältige kulturelle Räume auch jenseits nationalstaatlicher Grenzen ausmachen. Mit der Wahl des Forschungsgegenstandes bestimme nicht zuletzt der Beobachter selbst, welche Grenzen in Erscheinung treten. Auf Umgangsweisen mit flussbezogenen Gefahren bezogen falle auf, dass ökologisches Bewusstsein, und damit verbundene Praktiken wie die Schaffung von Retentionsflächen, auf deutscher Seite stärker in Erscheinung treten als auf polnischer.

Auch Uwe Rada beobachtete in seiner Recherchearbeit eine stärkere Technikorientierung im polnischen Hochwasserschutz, betonte aber zugleich die gegenwärtigen Anstrengungen für mehr Umweltschutz. Im Hinblick auf die Beschreibung kultureller Grenzen argumentierte er aus historischer Perspektive, dass die neue Oder-Neiße-Grenze nach dem Zweiten Weltkrieg durch verlorengegangene Territorien auf polnischer und deutscher Seite als Stachel im gegenseitigen Verhältnis galt.

Eine harte Grenze also, die ohne Sprachkenntnisse, ohne die Kenntnisse der kulturellen Gepflogenheiten, bis 1972 auch eine weitgehend abgeriegelte Grenze war. Umso eifriger wurde nach dem mehr oder weniger gemeinsam durchlebten Hochwasser 1997 vom Europäischen Grenzfluss gesprochen. Die heutige Perspektive der Bewohner zeigt jedoch auch, dass die Wahrnehmung der Bewältigungsfähigkeit eine dominierend nationalistische ist und diese Rhetorik nicht immer greife.

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive beobachtete Dr. Anna Barcz, dass die Oderlandschaft, auch vor dem Hintergrund des Bevölkerungsaustausches nach dem zweiten Weltkrieg im Schlesischen Raum, eine historische Besonderheit darstelle. Sie plädiert für eine neue Sicht auf die Oderliteratur, nach der die Oder selbst durch Autoren „zum Sprechen gebracht“ werden könne. Dadurch könne ein neues Verständnis für die ökologischen Probleme und den Umgang mit der Oder entstehen.

Tobias Lenel berichtete nicht nur aus der Perspektive des Filmemachers, der spezifische Lebenswelten vor Ort in visuell-narrativer Perspektive dokumentiert, sondern auch von seinen eigenen lebensweltlichen Erfahrungen als Hausbesitzer in unmittelbarer Nachbarschaft hinter dem Oderdeich. Die Flut von 1997 habe demnach nicht nur negative Folgen mit sich gebracht. Insbesondere auf deutscher Seite hätten auch einige von den Ereignissen profitiert.

Die Diskutanten waren sich insgesamt einig, dass der Ausdruck „Katastrophe“ 1997 vielfach stärker noch für die polnische Seite gelte, da hier viele Todesopfer zu beklagen waren.  Insgesamt sei man auf beiden Seiten der Oder näher zusammengerückt, so dass das Ereignis selbst als Initialzündung für die Entwicklung eines gemeinsamen „Europäischen Flusses“ gelten kann.

Impression von der Diskussionsrunde

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