29. November | 2017

IRS beteiligt an erstem soziologischen DFG-Sonderforschungsbereich „Re-Figuration von Räumen“

Ende November 2017 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft den Sonderforschungsbereich „Re-Figuration von Räumen“ an der Technischen Universität Berlin bewilligt. Der SFB hat sich zum Ziel gesetzt, die umfassenden räumlichen Neuordnungen globalen Maßstabs zu erforschen, die durch die Intensivierung transnationaler Formen des Wirtschaftens, Umbrüche in der globalen politischen Geographie, die Entwicklung und Verbreitung digitaler Kommunikationstechnologien, die Zunahme der globalen Zirkulation von Menschen und Gütern sowie das Anwachsen der weltweiten Verflechtungen und Abhängigkeiten zwischen individuellen und kollektiven Akteuren verursacht wurden. Er wird zugleich einen wesentlichen Beitrag zur Raumtheorie leisten. Das IRS ist in der Person von Prof. Dr. Gabriela Christmann an dem SFB beteiligt. Christmann wird als Sprecherin des Projektbereichs B „Räume der Kommunikation“ fungieren sowie ein Teilprojekt zu digitalen städtebaulichen Planungen leiten.

Seit circa 50 Jahren haben sich globale Prozesse der sozialen, politischen und technologischen Veränderungen erheblich intensiviert. Dies findet beispielsweise seinen Ausdruck in unter dem Stichwort Globalisierung diskutierten weltweit gestiegenen Verflechtungen, Vernetzungen und Abhängigkeiten: Die Zirkulation von Waren und Ideen ist sprunghaft angestiegen, ebenso die Mobilität und die Migration von Menschen. Durch ortsungebundene Kommunikationstechnologien haben sich für soziale Prozesse wie der Wissensaustausch völlig neue Ausprägungen und Implikationen ergeben. Zugleich haben Gegenbewegungen zur Globalisierung signifikanten Zulauf erhalten, versinnbildlicht durch das Brexit-Votum in Großbritannien oder durch den Regionalisierungstrend in der Lebensmittelwirtschaft. Die Grundthese des SFB „Re-Figuration von Räumen“ ist, dass durch diese grundlegenden gesellschaftlichen Wandlungsprozesse das Verhältnis von Menschen zu ihren Räumen neu verhandelt, verändert und umgestellt wird. Räume gelten als strukturierendes Element von sozialen Prozessen, sie sind zugleich Austragungsort für gesellschaftliche Konflikte und Veränderungen und Ressource für Entwicklungsprozesse. Der SFB hat sich zum Ziel gesetzt, diese komplexen sozioräumlichen Prozesse aus der Breite eines Disziplinenspektrums von Soziologie, Geographie, Architektur, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Kunst und Planung empirisch zu beforschen und daraus eine Theorie der gegenwärtigen sozialen Ordnung als räumlich-kommunikative Re-Figuration zu entwickeln.

Der Begriff „Re-Figuration“ greift das Konzept der Figuration von Norbert Elias auf und zielt auf eine prozesshafte Umformung räumlicher Anordnungen und Verflechtungen ab. Dabei ist konstitutiv, dass raumbildende soziale Prozesse als kommunikative Prozesse verstanden werden. Unter Bezug auf Konzepte der sozialen und kommunikativen Konstruktion von Räumen werden dabei räumliche und individuelle sowie kollektive Handlungen als untrennbar angesehen. Der SFB formuliert drei forschungsleitende Hypothesen für seine Arbeit: Zunächst werden Raumkonstruktionen als polykontextural angesehen, Handeln bezieht sich also immer häufiger auf mehrere Raumanordnungen. Akteure stehen vor der Herausforderung, unterschiedlichen Raumlogiken, Skalen und Ebenen zeitgleich folgen zu müssen. Im Sinne einer zweiten Leithypothese gehen die Wissenschaftler/-innen ferner davon aus, dass die Polykontexturalisierung in einem engen Bedingungszusammenhang mit der Mediatisierung kommunikativen Handelns durch digitale Kommunikationstechnologien steht, was ermöglicht und erzwingt, gleichzeitig sowohl aktiv und reflexiv in verschiedenen Maßstabsebenen als auch virtuell und face-to-face zu agieren. Vermittelt durch die Mediatisierung des Handelns und die Zirkulationen von Menschen, Gütern und Technologien kommt es, so die dritte Leithypothese, zu einer Translokalisierung, das heißt zu einer Koppelung verschiedener Orte.

Die Forschungen des SFB werden in den drei Projektbereichen „Raumwissen“, „Räume der Kommunikation“ und „Zirkulation und Ordnung“ organisiert. Darin werden unterschiedliche Facetten der Forschungsfragen adressiert, die sich auf das „Wie“ der gegenwärtig ablaufenden Re-Figuration richten. Zu den Forschungsfragen zählen unter anderem:

  • Was sind die konstituierenden Merkmale der Re-Figuration?
  • Welche neuen relationalen Anordnungen zu Räumen lassen sich in sozial-materiellen Handlungsvollzügen beobachten? Wie werden diese Räume aufeinander bezogen und machtvoll durchgesetzt?
  • Welche Rolle spielen subjektive Erfahrungen, Emotionen und Wissen, welche Rollen spielen kollektive Akteure wie Organisationen und Netzwerke? Welche Rolle spielen physisch-materielle Verfestigungen im Prozess der Re-Figuration?
  • Wie steht die Veränderung des subjektiven Raumwissens im Zusammenhang mit den institutionellen Veränderungen von Räumen? Wie verändern sich damit die neuen Formen kommunikativen Handelns?
  • Deutet die diagnostizierte Re-Figuration von Räumen auf eine Brüchigkeit und Krisenanfälligkeit sozialer Ordnungen hin? Oder bildet sie im Gegenteil die Grundlage für eine stabile Weiterentwicklung bestehender gesellschaftlicher Ordnungen? Oder zeigen sich gegebenenfalls auch verschiedene, sogar sich widersprechende Muster der Raumkonstitution?
  • Führt die Re-Figuration zu neuen Machtverhältnissen? Wie werden Gestaltungskompetenzen neu verteilt und wie wird Raum zur Ressource in Machtkämpfen?

Der Sonderforschungsbereich ist an der Technischen Universität Berlin angesiedelt, Prof. Dr. Martina Löw  (Institut für Soziologie, Fachgebiet Planungs- und Architektursoziologie) und Prof. Dr. Hubert Knoblauch (Institut für Soziologie, Fachgebiet Allgemeine Soziologie) werden die Forschungen leiten. Beteiligt am erfolgreichen Antrag sind weiterhin die Institute für Architektur und Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin sowie die Freie Universität Berlin (Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft), die Humboldt-Universität zu Berlin (Institut für Sozialwissenschaften, Geographisches Institut), die Westfälische Wilhelms-Universität Münster (Institut für Kommunikationswissenschaft) und das IRS.

Das IRS wird mit dem Teilprojekt „Digitale Städtische Planung: Planerisches Handeln und materiell-physische Anordnungen“ einen Beitrag zum Projektbereich „Räume der Kommunikation“ leisten, der Veränderungen kommunikativen Handelns durch Mediatisierungsprozesse und Implikationen jener Veränderungen für die Re-Figuration von Raum untersucht. Ziel des Teilprojekts ist es, am Beispiel von Digitalisierungen durch immer neue digitale Techniken und Kommunikationsmedien das sich weltweit wandelnde planerische Handeln sowie Veränderungen in materiell-physischen städtebaulichen Anordnungen zu erforschen. Zu den neuen Techniken gehören unter anderem Geoinformationssysteme (GIS), Computer Assisted Design (CAD), 2D-/3D-Simulationen, Virtual Reality Modelle oder auch Tools für E-Partizipation. Untersucht werden die Mediatisierungsprozesse am Beispiel von vier Städten auf vier Kontinenten: New York City (Nordamerika/USA), Lagos (Afrika/Nigeria), Songdo (Asien/Südkorea) und Frankfurt/Main (Europa/ Deutschland).

Der Sonderforschungsbereich hat eine Laufzeit von zunächst vier Jahren (mit einer Gesamtperspektive von zwölf Jahren) und ein Gesamtvolumen von circa 8,2 Millionen Euro. Im IRS werden zwei Doktorand/-innenstellen (65%) über die Laufzeit des SFB sowie Studentische Hilfskräfte, Reise- und Sachmittel finanziert. Das dem IRS bewilligte Drittmittelvolumen beträgt 423.600 Euro. 

Weitere Informationen

Veränderung von Räumen: In welcher Gesellschaft leben wir heute?

Wir erleben derzeit eine Spaltung der Gesellschaften in Europa. Der einen Hälfte der Bevölkerung macht die Globalisierung Angst. Die andere Hälfte sieht in ihr eine große Chance. Die einen setzen deshalb auf Begrenzung und Ausschluss des Fremden, die anderen auf Entgrenzung und Austausch. Bei beiden Vorstellungen geht es um die Frage, welche Räume geben uns in Zukunft Sicherheit und ein Gefühl von Stabilität? Sind es Nationalstaaten mit geschlossenen Grenzen oder offenen? Die Sprecherin des SFB "Re-Figuration von Räumen", Prof. Dr. Martina Löw, möchte mit der Analyse von Räumen zu einem besseren Verständnis der aktuellen Konflikte beitragen. Letztlich geht es um die Frage: In welcher Gesellschaft leben wir heute?

Quelle: Technische Universität Berlin