13. November | 2017

Entdeckungen in Raum und Zeit

Spitzenforscher und Nachwuchswissenschaftler auf der IRS Spring Academy 2017

Vom 2. bis zum 5. Mai 2017 richtete das IRS in Kooperation mit der Technischen Universität Berlin die erste „IRS Spring Academy: Investigating Space(s): Current Theoretical and Methodological Approaches“ aus. 26 Nachwuchswissenschaftler/-innen aus dem In- und Ausland, darunter Geographen, Politikwissenschaftler, Historiker und Soziologen, setzten sich vier Tage lang mit neueren theoretischen Konzepten und methodischen Ansätzen der raumbezogenen Forschung auseinander. Im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltung stand der Zusammenhang von Raum und Zeit. Gemeinsam mit renommierten Fachleuten diskutierten die Teilnehmer/-innen raumbezogene Theorien und Methoden, die den Faktor Zeit in unterschiedlicher Weise reflektieren – ob durch die Modellierung von raumwirksamen Prozessen oder durch die soziale Konstruktion von standardisierter Zeit. Für das IRS war die Veranstaltung zugleich eine Gelegenheit, die eigenen Forschungsarbeiten zu Raum-Zeit-Dynamiken weiter zu strukturieren und inhaltlich weiterzuentwickeln.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist das interdisziplinäre Feld zwischen Raum- und Sozialwissenschaften enorm in Bewegung geraten. Auf der einen Seite haben viele sozialwissenschaftliche Disziplinen einen „spatial turn“ vollzogen und sich stärker als zuvor für eine Integration raumbezogener Konzepte und Begrifflichkeiten interessiert. Auf der anderen Seite definieren Fachrichtungen wie die Geographie oder die Raumplanung ihre disziplinäre Identität weniger über Raum als exklusiven Untersuchungsgegenstand, sondern betrachten Räumlichkeit zunehmend auch als eine geteilte Forschungsperspektive. Auf dieser Grundlage hat sich die gemeinsame ontologische Basis raumbezogener Disziplinen mit anderen Disziplinen aus dem Spektrum der Sozialwissenschaften verbreitert. So entstanden neue Spielräume für die Entwicklung interdisziplinärer Konzepte von Raum und Räumlichkeit.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen hat das IRS gemeinsam mit mehreren akademischen Partnern die dreiteilige Reihe von Frühjahrsakademien mit dem Titel „Investigating Space(s): Current Theoretical and Methodological Approaches“ ins Leben gerufen. Die von der VolkswagenStiftung geförderte Veranstaltungsreihe gibt Nachwuchswissenschaftler/-innen die Möglichkeit, theoretische sowie methodische Ansätze in den Raumwissenschaften mit international ausgewiesenen Expert/-innen zu diskutieren sowie ihre eigenen Projekte einem internationalen Publikum vorzustellen.

Freitag, 5. Mai 2017, später Nachmittag: Nach dreieinhalb dichten und intensiven Tagen versammelte die IRS-Direktorin Prof. Heiderose Kilper alle Teilnehmer/-innen der ersten IRS Spring Academy zu einer Feedbackrunde. Jeweils drei Abendvorträge, Paper-Pitch-Sessions, Co-Teaching-Seminare und Doing-Research Workshops sowie individuelle Konsultationen, eine Exkursion und ein „Meet the Editors“ lagen hinter den Nachwuchswissenschaftler/-innen, Organisator/-innen und Gästen. Trotz des intensiven Programms – oder gerade deswegen – zogen die Beteiligten ein sehr positives Fazit der Veranstaltung. Drei wichtige Rückmeldungen seitens der Teilnehmer/-innen stachen heraus:

Erstens reflektierten viele Teilnehmer/-innen die Interdisziplinarität der „Spring Academy“, die ihnen neue Horizonte für die eigene Forschung eröffnet habe. Ein Teilnehmer formulierte es so: „Mir war zuvor nicht in diesem Ausmaß bewusst, welche zusätzlichen spannenden Perspektiven auf meine eigene Forschung andere Forscher aus anderen Disziplinen entwickeln können“. Zweitens etablierte sich ein reger Austausch zwischen den Nachwuchswissenschaftler/-innen, aber auch zwischen den jungen und etablierten Forscher/-innen. Dies geschah informell, am Rande der Sessions und Diskussionen, aber auch stärker formalisiert in arrangierten individuellen Konsultationen, die dem Nachwuchs die Möglichkeit der direkten Diskussion mit den Expert/-innen über ihr Qualifizierungsprojekt ermöglichten. Auch im Nachgang zur Spring Academy erfuhren wir von weiteren persönlichen Treffen und regen Online-Interaktionen. Für Nachwuchswissenschaftler/-innen, die mit ihren Forschungen in ein neues Feld vordringen, ist es wichtig zu spüren, dass sie darin nicht allein sind: „Ich nahm mich und meine Forschungen als relativ spezialisiert und isoliert war, jetzt habe ich viele Gleichgesinnte kennengelernt, die einen ähnlichen Blick auf raumbezogene Forschungen haben“, sagte eine Teilnehmerin. Drittens erwiesen sich die fachlichen Inputs zu Theorien und Methoden als hilfreich für die jungen Wissenschaftler/-innen, die das vermittelte Wissen als hochrelevant oder relevant für ihre eigene Arbeit einschätzten. Insbesondere das neue Format der Doing-Research Workshops, in denen methodisches Wissen nicht entlang idealtypischer Textbuchdarstellungen vermittelt wird, sondern anhand von konkreten Praxisberichten und anhand einer Reflexion von methodischen Entscheidungen im Feld, wurde dabei als lehrreich hervorgehoben. 

Den Grundpfeiler der diesjährigen Veranstaltung bildeten die drei Abendvorträge von Dr. Tim Schwanen (University of Oxford), Prof. Dr. Mike Crang (Durham University) und Dr. Vanessa Ogle (University of Pennsylvania). Schwanen stellte in seinem Vortrag eine neue Konzeptualisierung einer „transition geography“ vor, die auf etablierten Ansätzen der Zeitgeographie aufbaut. Zeitgeographie bringt räumliche und prozessuale Perspektiven zusammen. In den Augen von Schwanen ist es aber nötig, die traditionelle Konzeption noch stärker zu dynamisieren, um umfassendere Wandlungsprozesse von längerer Dauer hinreichend analysieren zu können. Er kam zu dem Schluss, dass es für die Konzeptualisierung von „transitions“ zentral sei, Unsicherheiten und Unwahrscheinlichkeiten von komplexen Entwicklungen in Einklang mit Planungsprozessen und Interventionen zu bringen. Damit würde die Ungewissheit räumlich-gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse, die sich aus dem komplexen Zusammenspiel der die Prozesse beeinflussenden Faktoren ergibt, mit dem Ziel einer möglichst verlässlichen Planung, etwa von Stadtentwicklungsprozessen oder Anpassungen in sozialen Sicherungssystemen, zusammengebracht. In dem Co-Teaching Seminar, das Schwanen mit Prof. Dr. Oliver Ibert (IRS) am Folgetag gab, wurden einzelne Konzepte der traditionellen Zeitgeographie (Zeit-Raum-Prismen, Pfade, Projekte oder Dioramen) vorgestellt und hinsichtlich ihrer aktuellen Relevanz vertiefend diskutiert. Mit den Professoren tauschten sich die Nachwuchsforscher/-innen über die Anforderungen an Konzepte aus, die graduelle Entwicklungsprozesse erfassen und beschreiben können. Damit bewegten sich alle Beteiligten an einer „cutting edge“ der raum- und zeitbezogenen Forschung.

Perspektiven aus der Geographie und der Soziologie brachte Prof. Mike Crang mit seinem Vortrag „Transience, Endurance and Temporal Ecologies of Value“ ein. Er präsentierte am Beispiel seiner Forschungen zur ökonomischen Verwertung von Alttextilien und Schiffen nach ihrem ersten Konsumzyklus, wie sich die Werte und Wertzuschreibungen sowie die darum sich organisierenden Arbeitsleistungen immer wieder stabilisieren und de-stabilisieren. Dabei zeichnete er die raum-zeitlichen Prozesse von der Atkleider-Spende und vom Abwracken bis zur Nachnutzung nach und verdeutlichte, dass die Verfestigung (Stabilisierung) und Verflüssigung (De-Stabilisierung) der Werte dieser Güter handfeste Folgen für lokale Ökonomien haben. Daraus leiten sich nach Crang wesentliche Anforderungen an die Methoden zur Analyse raum-zeitlicher Prozesse ab, die es erlauben müssen, die Aufladungen von materiellen Objekten mit an unterschiedlichen Orten erworbenen zeitlich spezifischen Zuschreibungen zu erfassen und zu beschreiben. Wie solche räumlich-zeitlichen Lebenszyklen methodisch analysiert werden können, war Thema des Co-Teaching Seminars von Crang und Prof. Dr. Gabriela Christmann (IRS). Bezugnehmend auf Ansätze aus der Sozialtheorie, dem sozialen und kommunikativen Konstruktivismus und der Ethnographie haben die Beteiligten versucht, ein Vorgehen für die Analyse umfangreicher und komplexer prozessualer Daten zu entwerfen. Als besonders erfolgversprechend wurde die „multi-sited ethnography“ identifiziert, die aber hohe Anforderungen an die Datenerhebung und -analyse stellt. 

In ihrem Vortrag über die „Globale Transformation der Zeit“ zeigte Dr. Vanessa Ogle, dass die heute scheinbar objektive, mit Hilfe von Uhr und Kalender messbare Zeit, auf umfangreiche und von Machtkämpfen geprägte sozio-technische Konstruktionen zurückzuführen ist. Sie rekapitulierte die großen Anstrengungen, die über einen längeren Zeitraum und an unterschiedlichen Orten auf der Welt im 19. Jahrhundert unternommen wurden, um die heutzutage als selbstverständlich geltende globale standardisierte Zeit zu etablieren. Dieser Prozess, an dem Politiker, Wissenschaftler und Ökonomen beteiligt waren, stellte sich keineswegs einfach dar. Vielmehr war die Festlegung von Zeitzonen – ein Manifest gewordener Ausdruck von Raum und Zeit – ein konfliktbehafteter, iterativer Vorgang, in dem Machtasymmetrien und Partikularinteressen wirksam wurden. Zudem hatte die Einführung von Zeitzonen, vergleichbaren Kalendern und Standardzeiten erhebliche räumliche Implikationen wie den Bedeutungsgewinn oder -verlust einzelner Städten, Regionen oder sogar Staaten, so Ogle. 

Die Zusammenführung von historischen und raumsoziologischen Perspektiven prägte auch das Co-Teaching Seminar von Prof. Dr. Susanne Rau (Universität Erfurt) und Prof. Dr. Christoph Bernhardt (IRS). Sie machten deutlich, dass sich historische und aktuelle Perspektiven auf die Co-Konstruktion und Co-Produktion von Raum und Zeit befruchten können. Gemeinsam mit den Nachwuchswissenschaftler/-innen erörterten sie – auch vor dem Hintergrund des Vortrags von Tim Schwanen – die Bedeutung langer Zyklen in der historischen Entwicklung und deren Rolle in rezenten politischen und sozialen Prozessen. Die lebendige Debatte im Seminar berührte methodische und konzeptionelle Aspekte, warf aber auch grundsätzliche Fragen nach der Linearität der Zeit auf. Erneut zeigte sich, dass gerade interdisziplinäre Perspektiven auf diese Sachverhalte völlig neue Sichtweisen und Implikationen anregen können. Die Frage nach den Grenzen konstruktivistischer Konzepte von Zeit und dem Beginn philosophischer Ansichten über die Irreversibilität von Handeln zeigte den Teilnehmer/-innen erneut sowohl das wissenschaftlich erschlossene als auch das noch unbekannte Terrain in diesem Forschungsfeld auf.

Mit „Current Theoretical and Methodological Approaches: Temporality and Procedurality“ war die erste Veranstaltung der IRS Spring Academy-Reihe überschrieben. Dieser Konzentration auf Theorien und Methoden trugen neben den Vorträgen und Seminaren auch die Methodenworkshops von Dr. Johanna Hautala (University of Turku), Prof. Dr. Nina Baur (Technische Universität Berlin) und Prof. Dr. Susanne Rau Rechnung. Anknüpfend an die Vorträge und Seminare widmeten sich ihre Workshops en Detail Methoden und Verfahrensweisen in der empirischen Arbeit. Dies gab den jungen Wissenschaftler/-innen die Möglichkeit, Herausforderungen aus ihren eigenen Forschungen darzustellen und Feedback aus der Gruppe der Teilnehmer/-innen sowie von renommierten Experten zu erhalten. Ein bestimmendes Thema der Workshops war die Feststellung, dass interdisziplinäre Perspektiven die Forschung inhaltlich sehr bereichern könnten, aber zugleich eine Ausweitung der einsetzbaren Methoden mit sich brächten.

Konkrete empirische Forschung war aber auch über diese Debatten und einzelne Beispiele in den Vorträgen hinaus präsent auf der „IRS Spring Academy“. Bereits in der Konzeption der Veranstaltungsreihe wurde Wert darauf gelegt, dass die theoretischen und methodischen Erkenntnisse für die Teilnehmer/-innen von praktischem Nutzen für ihre aktuellen Forschungsvorhaben – zumeist Dissertationen – sind. Daher waren die „Paper Pitches“ ein essenzieller Bestandteil der Veranstaltung. Verteilt auf drei Sessions erhielten alle Teilnehmer/-innen die Möglichkeit, ihr eigenes Projekt vorzustellen. Die Sessions zeigten die enorme Bandbreite von Themen, an welche die „IRS Spring Academy“ anschlussfähig ist: Langzeit-Szenarien für Politik und Planung im Kontext von Klimawandel und aquatischer Biodiversität war ebenso ein Thema wie die Rolle von Risikokapital in Innovationsprozessen, Stadtentwicklungsprozesse auf abgelegenen Inseln, der Export von Planungs- und Architekturpraktiken aus der DDR oder städtische Energiewenden. Zudem waren die beforschten Prozesse global verteilt, was zusätzlich auf die Relevanz räumlich-zeitlicher Perspektiven in unterschiedlichen Forschungskontexten hindeutet.

In der abschließenden Feedback-Session am Freitag fragte Prof. Kilper die Teilnehmer/-innen auch nach dem Programmpunkt, der für sie der nützlichste war. Neben den großen Formaten Vortrag, Seminar und Workshop wurden auffällig häufig auch die „kleinen“ Angebote der individuellen Konsultationen und der „Meet the Editors“-Session genannt. Erstere boten den Nachwuchsforscher/-innen einen Raum für Einzelgespräche mit den renommierten Forschern aus dem IRS und den Gästen. In den knapp einstündigen Gesprächen erhielten die Teilnehmer/-innen ein detailliertes Feedback zu ihren Forschungsvorhaben. Als ebenso wertvoll stellte sich die „Meet the Editors“-Session mit Prof. Crang, Prof. Dr. Baur und Dr. Matthias Bernt (IRS) heraus, da dort in großer Offenheit über nationale und disziplinäre Unterschiede in den Publikationskulturen sowie über Abläufe und Routinen in den Journals gesprochen wurde. Die Teilnehmer/-innen konnten viele Hinweise aufnehmen, die ihnen die Publikation in hochrangigen Journals erleichtern können.

Raum-Zeit-Dynamiken, wie sie im Rahmen der ersten „IRS Spring Academy“ aus unterschiedlichen Perspektiven konzeptionell und methodisch diskutiert wurden, spielen für die Raumbezogene Sozialforschung des IRS eine bedeutende Rolle. Dies findet in dem IRS-Raumverständnis, das durch die Wissenschaftler/-innen im IRS fortwährend hinterfragt und weiterentwickelt wird, ebenso seinen Ausdruck wie in einer Reihe von Forschungsprojekten, beispielsweise zur Räumlichkeit von Innovationsprozessen oder zu Prozessen des „place-making“ im Kontext der Energiewende. Die „IRS Spring Academy“ ist daher nicht nur ein Angebot der Nachwuchsförderung in den Raumwissenschaften, sondern auch ein Instrument der Profilierung der im IRS kultivierten raumbezogenen Forschung. Die im intensiven Austausch mit internationalen Expert/-innen gewonnenen Impulse fließen beispielsweise in das Forschungsprogramm des Instituts ein, das derzeit entwickelt und ab 2019 umgesetzt wird: Alle haushaltsfinanzierten Leitprojekte der Forschungsabteilungen werden dabei Raum-Zeit-Konzeptionen aufgreifen. So schließen sich die Kreise zwischen Theorie und Empirie, zwischen Nachwuchsförderung und Grundlagenforschung sowie zwischen Wissenschaft und Praxis.

Discoveries in Space and Time

Kurzfilm von der ersten IRS Spring Academy im Mai 2017

Impressionen von der IRS Spring Academy 2017