17. Oktober | 2017

Urbanisation | Migration | Regeneration in Past and Present

Workshop zu Geschichte und Gegenwart von Migrations- und Stadtentwicklungsprozessen

Geschichte und Gegenwart städtischer Transformationen haben gezeigt, dass Urbanisierungs- und Migrationsprozesse eng miteinander verbunden sind. Seit der Antike, aber insbesondere auch zur Zeit der Industrialisierung spielen Land-Stadt-Wanderungen eine wesentliche Rolle für das Wachstum der Städte, bestimmten aber zugleich auch deren soziale und bauliche Struktur. Ein ausgezeichnetes Beispiel für diese wechselseitige Beziehung sind städtische Migrationsindustrien, wie sie sich beispielsweise in den Ausgangs- und Zielstädten der transatlantischen Wanderungen herausbildeten. Der unmittelbare Nexus beider sozio-räumlicher Prozesse reicht bis in die Gegenwart: Im Kontext sich stetig beschleunigender Gobalisierung und gravierender regionaler Krisen haben sich neue Migrationsströme herausgebildet, die städtische Transformationen vor große Herausforderungen stellen und diese mit vorantreiben. Neuankömmlinge nutzen und prägen Nachbarschaften, etablieren neue Verbindungen zwischen Städten und Regionen überall auf der Welt und beeinflussen so städtische Zuwanderungs- und Regenerierungspolitiken. Der am 1. September 2017 in Kooperation der Forschungsabteilungen „Regenerierung von Städten“ und „Historische Forschungsstelle“ vom IRS organisierte Workshop „Urbanisation | Migration | Regeneration in Past and Present“ führte die Verbindung von Migrationsfragen mit Stadtentwicklungsprozessen in zeitlich vergleichender Perspektive zusammen.

Ausgehend von dem Gedanken, dass in Zeiten intensivierter Urbanisierung – wie dies während der Industrialisierung und Globalisierung der Fall war beziehungsweise ist – den verstärkten Wanderungsbewegungen mit neuen Ansätzen zur Regenerierung begegnet wird, haben die Organisatoren um Prof. Dr. Felicitas Hillmann und Prof. Dr. Christoph Bernhardt acht Wissenschaftler aus den Disziplinen Geschichte, Stadt- und Regionalplanung sowie Migrationsforschung eingeladen. Diese beschäftigen sich unter anderem in damit, wie durch Migration im Raum (als abstraktem Ordnungssystem) vorhandene Ressourcen (etwa Kontakte und Kapitalien) abgerufen werden und wie diese zur Regenerierung von Städten, also deren fortwährenden Erneuerungsprozessen, beitragen. Konkrete Migrationsbewegungen verknüpften nicht nur regionale System und Orte miteinander, sie stoßen auch im „Dazwischen“, in translokalen und gelegentlich virtuellen Welten, neue Prozesse der raumbezogenen Entwicklung an. Gerade krisenhafte Situationen, wie sie beispielsweise im Zuge des raschen Zuzug von Flüchtlingen oder anderer Zuwanderungsgruppen entstehen, bieten sich deshalb für eine Analyse von Raumressourcen an. Welche Akteurskonstellationen werden aktiviert und welche Handlungsspielräume ausgelotet? Welche neuen Verbindungen entstehen beispielsweise zwischen der Zivilgesellschaft und dem nationalen und kommunalen Institutionsgefüge?

Impression vom Workshop

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Die folgende Übersicht gibt Einblicke in diese diskutierten Themen und Fragen sowie in Erkenntnisse und Befunde aus der gemeinsamen Diskussion. 

Session I: Local Agency in Urban Regeneration

Der Einstieg erfolgte über zwei Beiträge, die sich mit der aktuellen Flüchtlingsthematik befassten. Prof. Dr. Ingrid Breckner (HafenCity Universität Hamburg) betrachtete die Verteilungspraxen, mit denen die Hamburger Stadtverwaltung knapp 40.000 Flüchtlinge in der Stadt unterbrachte. Die hiermit verbundenen Anforderungen wurden von Umstrukturierungen in der Verwaltung selbst, konflikthaften Aushandlungsprozessen und Diskriminierung in den Teilräumen der Stadt, aber auch einem starken Engagement der Bürgerschaft begleitet. Es zeigte sich, dass eine Koordination zwischen den verschiedenen Ebenen (kommunal, national und auf Länderebene) schwer herzustellen war und das System wenig flexibel reagierte. Gerade die sozio-ökonomisch privilegierten Stadtteile konnten sich durch Vermeidungsstrategien der gesamtstädtischen Verantwortung einer Aufnahme von Flüchtlingen entziehen.

Der Vortrag von Prof. Dr. Philipp Misselwitz (Technische Universität Berlin) hob dagegen die räumliche Struktur von Flüchtlingscamps hervor und widmete sich der Frage, wie durch diese bereits ein Einfluss auf die Integrationsmöglichkeiten der einzelnen Gruppen gegeben war. Er verglich die „Architekturen der Flucht“ am Beispiel des Zataari Camp in Jordanien und der Notunterkunft Tempelhof in Berlin. Anhand von Momentaufnahmen aus den Jahren 2012 – 2016 spiegelt er die sich durch die Handlungspraxen der Bewohner verändernde Morphologie der Camps. Indem die Bewohner sich in der Vorläufigkeit einrichten, entstehen Grenzziehungen zwischen privatem und öffentlichem Raum, gelegentlich neue Ökonomien, die weit über den Übergangsstatus hinausreichen. Ganz anders in Tempelhof, wo die Eigeninitiative der Bewohner auf starre bürokratische Grenzen trifft und im Grunde auf eine Vermeidung eigener Aktivitäten der Flüchtlinge zielte. Aus diesem Fallbespiel kann abgeleitet werden, dass in der Perspektive der Stadtverwaltung der Raum von den Bewohnern nicht in jedem Fall als Ressource in einem Entwicklungsprozess angesehen werden kann, sondern lediglich als Containerraum wirken soll (im Sinne einer „Aufbewahrung“).

Session II: Strategies of Urban Regeneration

Die Vorträge von Dr. Tassilo Herrschel (University of Westminster London) und Prof. Dr. Clemens Zimmermann (Universität des Saarlandes) griffen die Frage auf, wie über Netzwerke, den Staat und die Territorialität Internationalität hergestellt wird. Herrschel stellte einer internationalisierten Urbanität eine urbanisierte Internationalität (Globalismus) gegenüber und legte dar, wie die Planung über die Aktivierung unterschiedlicher Ressourcen Internationalität herstellen. Besonders relevant ist hier der Umgang mit Leadership, den Schlüsselfiguren der Raumentwicklung, wie er im Rahmen des Programms zu den Europäischen Kulturhauptstädten erprobt wurde. Nach Jahren, in denen Veränderungen in der baulichen Struktur der Stadt im Vordergrund standen, sind es nun die Eingriffe in das sozio-ökonomische Gefüge, die über partizipative Ansätze erreicht werden sollen. Er stellte die aktuellen Strategien der Kulturhauptstädte vor.

Clemens Zimmermann verglich die ehemals monostrukturelle Industriestädte Rüsselsheim und Eisenhüttenstadt mit wirtschaftlich traditionell diversifizierten Städten wie Bilbao, Leipzig und Halle. Bis heute prägt die Deindustrialisierung die Städte, jedoch bedeutet dies nicht, dass die Städte zwangsweise auch Einwohner verlieren. Vielmehr werden neue Leitbilder entwickelt und es erfolgt ein Überdenken bisheriger Integrationspolitiken. Am Beispiel Rüsselsheim skizzierte er diese Transformation. 

Session III: Governing Immigration

Wie Städte mit ihrer zunehmenden Diversität umgehen und wie sie versuchen, Ungleichheit zu nutzen oder aber zu verhindern, waren die Themen der Vorträge von Prof. Dr. Gideon Bolt (University of Utrecht) und Prof. Dr. Elke Pahl-Weber (Technische Universität Berlin). Bolt berichtete aus einem gerade abgeschlossenen, 13 Städte in Europa sowie Toronto umfassenden Forschungsprojekt. Die vorrangige Forschungsfrage des Projekts war, wie Diversität als Ressource für die Stadtentwicklung nutzbar gemacht werden kann. Diversität, definiert als Zusammenleben verschiedener sozio-ökonomischer, ethnischer und kultureller Gruppen in einem Gebiet, wird als mindestens so starke Erklärungsvariable für den Erfolg von Stadtentwicklungsprozessen ernstgenommen wie die vorhandenen, „harten Strukturmerkmale“. Die Forschung zeigt, dass es einen Backlash gegen multikulturelle Politiken gibt und sich vielmehr ein Trend zu Assimilationspolitiken beobachten lässt. Die Städte tendierten stärker als die Nationalstaaten dazu, inklusive Formen der Stadtentwicklung voranzutreiben. Der Diversitätsbegriff wird vor allem dort nutzbar gemacht, wo es nur eine kurze Immigrationsgeschichte gibt, legte Bolt dar. In Städten wie Toronto und London gelang es, Diversität für die gesamte Stadtentwicklung zu nutzen, in Rotterdam und Kopenhagen dienten Diversitätskonzepte dagegen zur Umsetzung von Austeritätspolitiken. Es stellte sich heraus, dass die Bürgerbeteiligung über migrantische Organisationen sich häufig auf übergeordnete Ansprüche auf Teilhabe (Aufenthaltsgenehmigungen, Wahlrecht) bezog. In einigen Städten wurden auf der lokalen bzw. Nachbarschaftsebene neue institutionelle Kontexte geschaffen (in Paris die Conseils de Quartier und in London der localism act). Bolt stellte die wichtige Rolle von öffentlichen Räumen als Orten der Begegnung heraus und wies auf die Gefahr eines Einsetzens von Gentrifizierungsprozessen in stark multikulturell geprägten Stadträumen hin. Die Hauptschwierigkeit der Städte im Umgang mit Diversität bestehe in der Kalibrierung von Anerkennung und der Umverteilung von Ressourcen. Überdies negiere der Fokus der Wohnungspolitiken auf der urbanen Mittelklasse – so Bolt - die faktische Gemischtheit der Stadtbevölkerung.

Elke Pahl-Weber befasste sich mit den expliziten Willkommenskulturen, wie sie in Mannheim angewendet werden. Im Projekt Migrants4Cities werden top-down initiierte Stadtentwicklungsprozesse mit Bottom-Up-Aktivitäten der migrantischen Bewohnerschaft zusammengebracht. Über drei Jahre hinweg werden dazu 20-25 Stadtbewohner mit Migrationshintergrund in UrbanLabs zu einem Reflexionsprozess über die Themen Mobilität, Mitmachen, Zusammenleben, Arbeiten und Wohnen eingeladen. Mit dem Konzept des DesignThinking sollen Transformationspfade für urbane Räume erkundet werden und Strategien für eine nachhaltige Entwicklung, etwa im Sinne einer erhöhten Sicherheit im öffentlichen Raum oder etwa einer Abkehr von einer auto-dominierten Planung, entworfen werden. Die durch das Projekt entwickelten Prototypen sollen dann – so sieht es das Konzept vor - als Business-Modell in die zukünftige Stadtplanung eingehen.

Session IV: Conceptual Approaches Towards Industrialization and Migration

Die Vorträge von Prof. Dr. Carola Hein (Delft University of Technology) und Prof. Dr. Leo Lucassen (Leiden University und IISH Amsterdam) öffneten den Blick für die historische Dimension. Mit dem Blick auf Berufsgruppen wie  Händler, Politiker,  Experten internationaler Institutionen, Designern näherte sich Hein dem Konzept des cross-cultural urbanism, das davon ausgeht, dass die Form grenzüberschreitend agiert, da sie durch Waren- und Migrationsströme sowie den Wissenstransfer durch Publikationen gespeist wird. Hein führt das Beispiel des Exports der Bauhaus-Planungsschule an, die durch den Wechsel der Professoren auf Lehrstühle in verschiedenen Ländern vorangetrieben wurde und stellte die Bedeutung von Exkursionen und Ausbildungen vor Ort für den Austausch über Ideen heraus. Die Ausbreitung von Planergemeinschaften durch besonders aktive bzw. besonders ausgegrenzte Mitglieder, führt nachweislich zu Innovationen vor Ort. Gerade die Bauhausplanung ist für diese Form des Wissenstransfers ein herausragendes Beispiel. Doch noch mehr lässt sich beobachten: In den Städten, die traditionell von migrationsgeprägten Vierteln gekennzeichnet waren, füllen heute die Passagiere der Kreuzschifffahrt die Läden der neuen Chinatowns, den besonders markanten und symbolisch aufgeladenen Orten in den Hafenstädten. Gleichzeitig wird die Organisation dieser Reisen und die damit vermittelte Narration der Stadt zunehmend mit den lokalen Planungssystemen verschränkt.

Der abschließende Beitrag von Leo Lucassen konzentrierte sich auf den historischen Vergleich von Migration und sozialem Wandel, wie er sich in urbanen Transformationen konkretisiert. Lucassen bot eine Klassifizierung an, die verschiedene Membership-Regime der Städte identifiziert und diese als Einflussgröße hinsichtlich der sozialen und regionalen Entwicklung ansieht. Indem also bestimmte grenzüberschreitende Migrationen mit unterschiedlichen migrantischen Kapitalien auf die unterschiedlichen Membership-Regime der Städte treffen, ergeben sich unterschiedliche Entwicklungschancen und Hemmnisse. Die Regulierung von Migration wird so zum Teil von bestehenden Ordnungssystemen. Seine Klassifizierung reicht vom full citizenship model, in dem die Neuankömmlinge bei ihrer Ankunft zu vollen Mitgliedern werden, über ethno-nationale sowie außen- und binnendifferenzierte Modelle bis hin zum „empty citizenship“-model, welches den Migranten praktisch keine Ressourcen anbietet. Lucassen zeigte auf, dass die Effekte der ausgrenzenden Regime zu unterschiedlichen Dynamiken der Urbanisierung, Zirkularität und migrantischer Selbstorganisation führen. Lucassen wies in seinem Beitrag zudem auf Blindstellen in der Planung in westlichen Industrienationen hin, wie sie etwa durch die zahlreichen Flüchtlingscamps gegeben sind, in denen die Membership-Regime weitgehend ungeklärt sind.

Insgesamt betonten die unterschiedlichen Beiträge eine Gemeinsamkeit von Migration und urbaner Transformation, wie sie durch Regenerierungsansätze vorangetrieben wird. Durch Migration in einem abstrakten Ordnungssystem entstehen durch die Verknüpfung von unterschiedlichen Handlungslogiken und Akteuren vor Ort neue Qualitäten. Gerade auch die migrationsgeprägten Räume in der Stadt gehören zu den symbolisch besonders aufgeladenen Orten und wirken als besonders markante Beispiele für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse (=emblematische Orte). Durch die Präsenz grenzüberschreitender Akteure entstehen gelegentlich sogar explizit virtuelle Räume, etwa über soziale Medien, die von translokalen Gemeinschaften genutzt werden.

Dem Workshop, so das Fazit der Organisatoren, gelang eine Integration unterschiedlicher Annäherungen und Sichtweisen auf das Thema. Auf der einen Seite wurden Migration und städtische Transformation aus theoretisch-konzeptioneller Ebene diskutiert, auf der anderen Seite standen inhaltliche Einzelaspekte wie bottom-up- versus top-down-Strategien oder Governance-Modi wie leadership oder Membership-Regime im Fokus. Nicht zuletzt habe sich in vielen Vorträgen gezeigt, wie Erfahrungen aus vergangenen Migrationen – und damit tradiertes kulturelles und gesellschaftliches Wissen – das Handeln von Akteuren in der Gegenwart formen. Dies verweist auf das Potenzial, das sich aus der Verbindung von historischen und gegenwärtigen sowie von sozial- und raumwissenschaftlichen Perspektiven für die Erforschung von Urbanisierungs- und Migrationsprozessen ergibt. Davon profitiere sowohl die Geschichtswissenschaft, indem sie sie sozial- und raumwissenschaftliche Konzepte und Methoden für ihre Forschung fruchtbar macht, als auch die moderne Migrationsforschung oder Stadt- und Sozialgeographie. Die konsequente Verfolgung von raumwirksamen gesellschaftlichen Prozessen im Sinne einer raumzeitlichen Dynamik ist auch ein Kennzeichen der Raumbezogenen Sozialforschung am IRS. 

Ausgewählte Vorträge

Weitere Informationen zum Workshop

In the context of ever-accelerating globalisation processes and devastating regional wars, Europe today is faced with new patterns of migration that pose a challenge to urban transformation initiatives and put public authorities to the test. These new migration patterns are linked to the global integration of cities and regions into new circuits of capital, goods and knowledge, adding to the establishment of new regional hierarchies. Cities increasingly have to filter and manage these flows, thereby rendering the national level less important and creating new spaces for urban articulation. Current trends in migration and urban transformation efforts exhibit remarkable parallels to the first period of modern industrial globalisation in the late 19th and early 20th century, while also differing in certain respects. mehr Info