12. September | 2017

Geteilte Räume – Strategien für mehr sozialen und räumlichen Zusammenhalt

Ungleiche wirtschaftliche Entwicklung ist ein wesentliches Merkmal marktwirtschaftliche Systeme. Diese Ungleichheit manifestiert sich räumlich auf sehr unterschiedlichen Maßstabsebenen, im Unterschied zwischen „reichen“ und „armen“ Nationen, im Polarisieren von Regionen innerhalb Deutschlands oder auch innerhalb von Städten auf der Ebene von Quartieren. Trotz guter wirtschaftlicher Lage scheint sich derzeit der Trend zur sozialen und ökonomischen Polarisierung in Deutschland fortzusetzen. Eine Fachkommission der Heinrich-Böll-Stiftung hat nach Gründen für räumliche Ungleichheit gesucht und Strategien für mehr sozialen und räumlichen Zusammenhalt formuliert. IRS-Wissenschaftler Dr. Manfred Kühn ist an der jüngst erschienen Publikation der Ergebnisse mit einem Beitrag über Migration als Perspektive für schrumpfende  Städte und Regionen beteiligt.

Ausgangspunkt für die Arbeit der Fachkommission im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung war die in der Verfassung verankerte Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland. In den vergangenen Jahren haben sich Trends der ungleichen räumlichen Entwicklung deutlich verstärkt.  Auch in den Raumordnungsberichten des Bundesamtes für Bauwesen, Stadtentwicklung und Raumordnung wird davon gesprochen, dass die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse nicht mehr in allen Teilräumen gegeben ist. Indikatoren dafür wurden in den Bereichen Demografie, Wirtschaftskraft, Arbeitsmarkt, Wohlstand, Infrastruktur und Wohnungsmarkt identifiziert. Die betreffenden Regionen finden sich überwiegend in ostdeutschen Bundesländern, aber auch in Bremen oder Nordrhein-Westfalen sowie innerhalb vieler größerer Städte.

Die Diagnosen der Fachkommission decken sich im Wesentlichen mit den IRS-Forschung zur Peripherisierung von Räumen: Im Gegensatz zu wirtschaftlich dynamischen Zentren setzen strukturschwachen Regionen selbst-verstärkende Effekte wie Schrumpfung, Arbeitskräftemangel, Rückbau von Infrastrukturen und Finanzknappheit zu. Zu Abwanderung und Abkopplung kommt vielerorts noch eine Stigmatisierung hinzu, sodass die Handlungsspielräume für peripherisierte Räume sehr eng sind. Räumliche Ungleichheit findet seinen Ausdruck daher seinen Ausdruck nicht nur in ökonomischer Ungleichheit, sondern auch in sozialer Polarisierung und politischer Abkopplung, die sich beispielsweise in den Wahlerfolgen rechter Parteien in diesen Räumen zeigt.

Die von der Fachkommission formulierten Strategien enthalten unter anderem folgende Empfehlungen:

  • Den Gleichwertigkeitsgrundsatz im Sinne territorialer Kohäsion neu interpretieren,
  • Regionale Daseinsvorsorge als neue Gemeinschaftsaufgabe einführen,
  • Verschuldete Kommunen gezielt entlasten,
  • Boden- und Immobilienmärkte stärker regulieren,
  • Soziale Mischung in Städten erhalten,
  • Regionale Akteursvielfalt stärken.

Manfred Kühn betrachtet in seinem Beitrag die Produktion sozialräumlicher Ungleichheiten als Resultat von Wanderungsbewegungen der Bevölkerung, die wiederum hauptsächlich Ausdruck des Arbeitsplatz- und Wohnungsangebotes verschiedener Regionen sind. Außerdem untersucht er die räumliche Steuerbarkeit der Zuwanderung im Wandel von Deutschland zu einem Einwanderungsland  und formuliert Bedingungen, unter denen die  Zuwanderung eine Chance für schrumpfende Regionen darstellt. Daraus leitet Kühn konkrete Handlungsempfehlungen für Kommunen sowie für Bund und Länder ab, um die Chancen durch Zuwanderung in peripherisierte Regionen zu nutzen und mit den Hemmnissen konstruktiv umzugehen.

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