05. September | 2017

Ältere Menschen als Innovationsmotoren in ländlichen Regionen

Ländliche Gemeinden gelten gemeinhin als innovationsfern und damit nicht prädestiniert dafür, den ökonomischen und sozialen Herausforderungen zu begegnen, die sich unter anderem durch den demografischen Wandel stellen. Vergleichbar pessimistisch sind die Einschätzungen zum Erneuerungspotenzial durch ältere Menschen auf dem Land, denn auch ihnen wird eher Traditionsorientierung denn Innovationsfähigkeit nachgesagt. Dass beide Bilder oft nicht der Realität entsprechen, zeigen IRS-Forschungen im Projekt „Innovationen in Landgemeinden“.

Das haushaltsfinanzierte, grundlagenorientierte Leitprojekt wird seit Januar 2015 in der Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“ durchgeführt. Es hat zum Ziel, kreative und innovative Projekte zur Lösung lokaler Problemlagen in strukturschwachen Landgemeinden zu analysieren und dabei die Bedingungen, Akteure und Prozesse kreativer Gemeindeentwicklung zu beforschen. Selbst und gerade in strukturschwachen ländlichen Gemeinden machten sich Ältere auf den Weg, neue Projekte ins Leben zu rufen, um den Problemlagen vor Ort entgegenzuwirken, so Projektmitarbeiterin Dr. Anika Noack. Ältere nutzen ihr umfangreiches Erfahrungswissen, ihre neu gewonnenen Zeitpotenziale, ihre Netzwerkkontakte und ihre Kreativität, um Ungewöhnliches auszuprobieren und neue Wege jenseits ausgetretener Pfade einzuschlagen.

Ein Beispiel dafür ist ein inzwischen pensionierter Bürgermeister in der Eifel, der mit einer umfassenden Kultur- und Kunstinitiative einer Landgemeinde und vor allem ihren vielen leerstehenden Geschäftsräumen wieder neues Leben eingehaucht hat. Inzwischen hat der Ort seinen Leerstand mehr als halbiert sowie neue Bewohner und neue Geschäfte hinzugewonnen. Positiv blickt der Bürgermeister deshalb auch in die Zukunft der Landgemeinde, deren touristische Potenziale weiter erschlossen werden sollen. Gerade Ältere, wie benannter Bürgermeister, sind in der Lage, sich von Problemwahrnehmungen oder einer „Früher-war-alles-besser-Mentalität“ zu distanzieren und positive Potenziale des Ortes hervorzuheben, stellte Noack in den Untersuchungen fest. Ganz im physisch-materiellen Sinn würden  sie mit ihren Innovationsprojekten Plätze umgestalten oder Brachflächen revitalisieren. Solche Umgestaltungen (ein Kunstatelier, ein Fahrradladen oder eine Anwaltskanzlei anstelle leerstehender Schaufenster) können wiederum Aufbruchsstimmung bei den Bewohner/-innen erzeugen, sie zum Mitgestalten anregen und die wahrgenommene Lebensqualität verbessern. Damit Ältere zu solchen Schlüsselfiguren in räumlichen Entwicklungsprozessen werden können, benötigen sie allen voran Kreativität und Visionskraft für neue Projektideen, schlagkräftige Netzwerkpartner, ein ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl zur Landgemeinde und auch die Kraft, Widerstände aushalten und Konflikte konstruktiv lösen zu können.

Diese Forschungsergebnisse hat Noack auch einem interessierten Fachpublikum am 25. Juli 2017 auf dem XXVII European Society for Rural Sociology Kongress in Krakau, Polen vorgestellt. Dort stimmt sie mit anderen Wissenschaftler/-innen in der Arbeitsgruppe „Alter, Knappheit und Engagement in ländlichen Regionen“ überein, Ältere zunehmend als Ressource zu verstehen und deren Engagementbereitschaft und Mobilisierungspotenzial für die Zukunftsfähigkeit unserer ländlichen Räume noch viel stärker nutzbar zu machen.