02. August | 2017

Auf Leibniz‘ Spuren

Zur raumtheoretischen Forschung am IRS

Ein Essay von Oliver Ibert und Heiderose Kilper.

Unter den vier großen Wissenschaftsorganisationen der Bundesrepublik Deutschland, die von Bund und Ländern gemeinsam gefördert werden, ist die Leibniz-Gemeinschaft die einzige, die mehrere Institute unter ihrem Dach versammelt, die aus jeweils eigenen Perspektiven Forschungen mit Raumbezug durchführen. Diese Besonderheit liegt sicher nicht ursächlich in der Faszination begründet, die Fragen des Raumes auf den Namensgeber Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) ausgeübt haben. Seine Überlegungen zu absoluten und relativen Räumen stellen für raumwissenschaftliche Institute – und ganz besonders für das IRS – einen spannenden Referenzpunkt dar. Leibniz bezeichnete den Raum in seinen „Philosophischen Schriften“ als „eine Ordnung der gleichzeitigen Dinge“, in denen zwei Objekte nur zusammengedacht werden können, wenn zugleich ein Raum existiert, der beide trennt.

„Ich habe mehrfach betont, daß ich den Raum ebenso wie die Zeit für etwas rein Relatives halte, für eine Ordnung der Existenzen im Beisammensein, wie die Zeit eine Ordnung des Nacheinander ist. Denn der Raum bezeichnet unter dem Gesichtspunkt der Möglichkeit eine Ordnung der gleichzeitigen Dinge.“[1]

Leibniz stellte sich mit diesem relationalen Raumverständnis gegen andere einflussreiche Wissenschaftler seiner Zeit, darunter Sir Isaac Newton. Obgleich die Kontexte seiner Überlegungen oft philosophisch oder theologisch waren, haben seine Grundthesen noch heutzutage erstaunliche Relevanz für die sozialwissenschaftlich fundierte Raumforschung. Sowohl die Relationalität als auch die Beobachtung, dass Raum eine Ordnung unterschiedlicher möglicher Zustände ist, finden sich in modernen Raumkonzeptionen wieder. Am IRS haben die Wissenschaftler/-innen  eigene raumtheoretische Überlegungen entwickelt, die diese Wurzeln reflektieren und zugleich zur konzeptionellen Weiterentwicklung raumbezogener Forschung beitragen.

Grundlegend für die Konzeptualisierung von Raum in der IRS-Forschung ist ein konstruktivistischer Ansatz. Akteure oder soziale Gruppen bilden oder prägen Räume durch selektive Wahrnehmungen, symbolische Zuschreibungen, Diskurse und materielle Gestaltungen. So ist nicht nur von Belang, welche physischen Bestandteile Räume aufweisen, sondern auch, wie Individuen oder Gruppen den Raum wahrnehmen, sich aneignen und bewerten. Über Leibniz‘ Thesen hinaus werden also Räume nicht als etwas Absolutes angesehen, sondern als etwas, das sich in den Wahrnehmungen unterschiedlicher Akteure jeweils unterschiedlich manifestiert. Materielle Elemente werden dabei mit immateriellen verbunden. Diese Perspektive geht einher mit einem relationalen Raumverständnis, das Objekten keinen festen, singulär bestimmbaren Platz zuweist, sondern sie allein durch Beziehungen zu anderen Objekten erfasst. Entscheidend für das räumliche Handeln von Akteuren ist die Nähe und Distanz zu anderen Akteuren oder Elementen des Raumes – nicht nur verstanden als physische Entfernung, sondern auch und vor allem im Sinne von sozialer, kognitiver, institutioneller und organisationaler Divergenz.

Diese Raum-Konzeption ist konstitutiv für eine Vielzahl von Forschungsprojekten in unterschiedlichen empirischen Kontexten. Das im Leibniz-Wettbewerbsverfahren geförderte Drittmittelprojekt „Geographien der Dissoziation“ erforscht beispielsweise die soziale Konstruktion von Werten aus räumlicher Perspektive am Beispiel der Pelzbranche. Ebenso werden Raumkonstrukte im Kontext der Energiewende, im Zusammenhang mit sozialen Innovationen in Landgemeinden oder mit anderen Innovationsprozessen erforscht. Das IRS macht seine Raumkonzepte für die empirische Forschung nutzbar und sammelt Erkenntnisse für deren Weiterentwicklung. Dieses Wissen fließt immer wieder in die raumwissenschaftliche Community zurück.

Besonders deutlich wurde dies jüngst auf dem Spezialgebiet der kommunikativen Konstruktion von Räumen. Forschungen der Abteilungsleiterin Prof. Dr. Gabriela Christmann haben die Bedeutung speziell von kommunikativen Prozessen bei der Konstruktion von Räumen aufgezeigt. Christmann hat dazu einen Sammelband publiziert, in welchem sie prägende Forscherpersönlichkeiten des Feldes versammelt und, basierend auf deren Beiträgen, zur kommunikativen Konstruktion von Gesellschaften ein eigenes theoretisches Konzept zur kommunikativen (Re-)Konstruktion entwickelt. Darüber hinaus brachte sie diese Expertise in den Antrag für einen Sonderforschungsbereich (SFB) mit dem Titel „Re-Figuration von Räumen“ an der Technischen Universität Berlin ein, wo sie als außerplanmäßige Professorin für Raum-, Wissens- und Kommunikationssoziologie tätig ist. Der Sonderforschungsbereich hat sich zum Ziel gesetzt, die umfassenden räumlichen Neuordnungen globalen Maßstabs zu erforschen, die durch die Intensivierung transnationaler Formen des Wirtschaftens, Umbrüche in der globalen politischen Geographie, die Entwicklung und Verbreitung digitaler Kommunikationstechnologien, die Zunahme der globalen Zirkulation von Menschen und Gütern sowie das Anwachsen der weltweiten Verflechtungen und Abhängigkeiten zwischen individuellen und kollektiven Akteuren verursacht wurden. Der SFB ist bereits von einer Gutachterkommission begangen und evaluiert worden, die ihm Exzellenz bescheinigt hat. Im Falle einer Förderzusage kann er zum Jahresbeginn 2018 seine Arbeit aufnehmen.

Ein weiteres Spezifikum der raumbezogenen Forschung am IRS ist die dezidierte Prozessperspektive auf den Raum. In der empirischen Forschung ist es den Forscher/-innen wichtig, das Wechselspiel der räumlichen und zeitlichen Dimensionen zu erforschen. Die untersuchten dynamischen Räumlichkeiten umfassen zum Beispiel alltägliche Prozesse der Raumaneignung bis hin zu historischen Entwicklungslinien über mehrere Jahrzehnte. Wiederkehrende zeitliche Strukturierungen, etwa von Innovations- oder Planungsprozessen, werden dabei ebenso herausgearbeitet wie einzigartige Ereignisse. Dabei verstehen sie Raum auch als Ressource in Entwicklungsprozessen und nicht allein als Objekt oder Kontext. Räumlich verteilte Ressourcen und Akteure können mobilisiert und verknüpft sowie vorhandene Ressourcen zu Gelegenheiten und Hemmnissen räumlicher Entwicklung werden. So können symbolisch aufgeladene Orte Entwicklungsvorstellungen und damit Konsequenzen von Lernprozessen erlebbar machen.

Schließlich machen Wissenschaftler/-innen die unterschiedlichen Bedeutungen von Raum und Ort für ihre Forschung fruchtbar. „Raum“ bezeichnet ein eher abstraktes Ordnungssystem, in dem nach verschiedenen Logiken Punkte verortet, Distanzen gemessen und Raumeinheiten voneinander abgegrenzt werden können. „Orte“ hingegen benennen konkrete, unmittelbar sinnlich erfahrbare, subjektiv bewertete und besondere Qualitäten, die einen konkreten Punkt im Raum von anderen unterscheiden. Im Zusammendenken von Raum und Ort entstehen komplexe Topologien, mit deren Hilfe sich die lokale Verankerung von virtuellen Gemeinschaften von Enthusiasten oder die Ausbreitung von neuen Ansätzen innerhalb von Planergemeinschaften verstehen lassen.

Was ist also die besondere Art der Raum-Konzeption in der IRS-Forschung? Die Praxis raumbezogener Sozialforschung konstituiert sich durch die interdisziplinäre Erforschung räumlich definierter Forschungsobjekte, etwa Städte und Regionen, analysiert raumwirksame und raumsensible soziale Prozesse und kann als eine bestimmte Forschungsperspektive spezifiziert werden, in der räumliche Kategorien zu Kernvariablen sozialwissenschaftlicher Analyse werden. Mit einem Raumverständnis, das fünf Dimensionen (Konstruktivismus, Relationalität, Prozessperspektive, Raum als Ressource sowie die unterschiedlichen Bedeutungen von Raum und Ort) einbezieht, versucht die IRS-Forschung, der Komplexität von Raum, sozialem Handeln und gesellschaftlicher Entwicklung gerecht zu werden. Neben den Querschnittsthemen „Wissen und Innovation“, „Krise und Resilienz“ sowie „Institutionen und Governance“ nimmt auch die besondere Raumperspektive die Rolle eines verbindenden Elements über die Forschungsabteilungen und ihre Projekte ein.

Damit sich diese Praxis raumbezogener Sozialforschung nachhaltig entwickeln kann, versteht sich das IRS als ein Ort, an dem das gesellschaftliche Wissen zu Raum kultiviert wird. Dies geschieht durch regen institutsinternen Austausch etwa in Projektsitzungen, internen Workshops und selbstverständlich immer in engem Dialog mit der wissenschaftlichen Community. Im Jahr 2016 hat das IRS nicht zuletzt vor diesem Hintergrund eine dreiteilige Veranstaltungsreihe für Nachwuchswissenschaftler/-innen entwickelt, die „IRS Spring Academy: Investigating Space(s): Investigating Space(s): Current Theoretical and Methodological Approaches“. Die erste Academy fand im Mai 2017 statt und führte die Teilnehmer/-innen in die Perspektive von „Temporality and Procedurality“ ein. Neben dem Ausbildungsaspekt konnte das IRS auch über die Beiträge renommierter externer Redner wie Prof. Tim Schwanen (University of Oxford), Prof. Mike Crang (Durham University) oder Prof. Dr. Susanne Rau (Universität Erfurt) neueste Erkenntnisse rezipieren und diskutieren. Die Spring Academy wird in 2018 und 2019 noch zwei weitere Male stattfinden und ein inspirierender Baustein in der kontinuierlichen Weiterentwicklung der raumtheoretischen Arbeit am IRS sein.


[1] Zitiert nach Poser, H. (2005): Gottfried Wilhelm Leibniz zur Einführung. Hamburg, Junius. S. 83.

Weitere Informationen