19. Juli | 2017

Gebaute Geschichte: Historische Authentizität im Stadtraum

In Zeiten von ‚Fake News‘, Wahlmanipulationen und Rekonstruktionen historischer Gebäude steht das vermeintlich Echte im Mittelpunkt gesellschaftlicher Debatten. Das Wahre vom Unwahren zu scheiden wird um ein vielfaches schwerer, zugleich steigt das Verlangen nach Authentischem und Unverfälschtem. Die Authentizitätsforschung hat sich in den vergangen Jahren aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven mit daraus abgeleiteten Fragen beschäftigt. Das Buch „Gebaute Geschichte“ widmet sich dem Gebiet der Architektur und Stadtgeschichte. Die Beiträge analysieren Authentizitätsbehauptungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Debatten über den Stellenwert der Vergangenheit sowie politscher und ökonomischer Interessen.

Der kürzlich erschienene Sammelband „Gebaute Geschichte: Historische Authentizität im Stadtraum“ basiert auf Forschungen und Debatten im Leibniz-Forschungsverbund „Historische Authentizität“. Dieser Verbund aus 22 Einrichtungen untersucht in transdisziplinärer und internationaler Perspektive, wie historische und zeitgenössische Authentizitätsvorstellungen den Umgang mit dem kulturellen Erbe beeinflusst haben. Er erforscht dies anhand der Rekonstruktion und Konservierung von historischen Spuren, der kulturellen Speicher- und Formungsfunktion von Sprache, der Entwicklung von Schulbüchern und Karten ebenso wie der Konzeption von Museen, Archiven, Denkmälern und Gedenkstätten.

Dem Gebauten kommt in der Gesamtschau des kulturellen Erbes eine Schlüsselstellung zu, denn von der Materialität historischer Gebäude geht gemeinhin ein hohes Maß an Authentizität aus. Historische Bausubstanz bildet den Kern der Individualität städtischer Räume und ist daher aus kultureller, gesellschaftlicher, aber auch aus touristischer Hinsicht eine wertvolle Ressource. Gleichwohl ist die projizierte Echtheit oft faktisch nicht haltbar, denn sowohl in der Denkmalpflege als auch der baulichen Instandhaltung innerhalb anderer Kontexte wird Gebautes überformt, verändert und ersetzt. Zugleich stellen historische Rekonstruktionen wie etwa die Frauenkirche und das Berliner Schloss die Zuschreibungen „historisch“ oder „authentisch“ vor große Herausforderungen. An diesen breit diskutierten Beispielen zeigt sich exemplarisch, wie vielschichtig, komplex und emotional aufgeladen gesellschaftliche Debatten um Authentizität im Bauerbe sind.

Der vorliegende Band nimmt den Faden dieser Debatten auf, die von der Denkmalpflege und Architekturgeschichte bereits seit über einem Jahrhundert geführt werden. Dabei nehmen die von den Herausgebern Prof. Dr. Christoph Bernhardt (IRS), Prof. Dr. Martin Sabrow und Dr. Achim Saupe (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) selektierten Beiträge breite, disziplinenübergreifende Perspektiven ein, um auch neue kultur- und stadtgeschichtliche Ansätze für das Thema fruchtbar zu machen. Sie nehmen Bezug auf das Weltkulturerbe-Programm der UNESCO, stellen die Entwicklung von Authentizitätsdebatten im 20. Jahrhundert dar und geben einen Überblick über Authentizitätskonflikte in Städten. Der Zeit nach dem 2. Weltkrieg kommt dabei eine herausgehobene Stellung zu, weil die Zerstörung historischer Bausubstanz als Folge des Krieges die Debatten um Bewahrung und Wiederaufbau in besonderer Weise prägt.

Zu den detailliert dargestellten Beispielen des Buches gehören die Welterbestätten Stralsund, Wismar, Dessau und St. Petersburg, der Wiederaufbau des Potsdamer Stadtschlosses, Stadtgestaltungen in Riga und Halberstadt sowie mehrere Beispiele aus der islamischen Welt. Ein Fokus liegt zudem auf dem Verhältnis von Authentizität und Geschichtstourismus. 

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