15. Juni | 2017

Tradition und Zukunft – IRS-Kooperationen mit Polen

Die Internationalisierungsstrategie des IRS setzt klare räumliche Schwerpunkte. Dahinter steht der Gedanke, dass eine Konzentration auf bestimmte Regionen es ermöglicht, sowohl umfassend zu dort relevanten Fragestellungen zu forschen, als auch intensive Beziehungen zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Forschungseinrichtungen zu entwickeln. Neben Nordamerika und Skandinavien ist Polen einer dieser Fokusräume: Mit Partnern aus dem östlichen Nachbarland verbinden das Institut seit zwanzig Jahren vielfältige Beziehungen, die im Zuge der Internationalisierungsstrategie und durch mehrere aktuelle Forschungsprojekte nochmals vertieft wurden.

Im November 2014 unterzeichneten die IRS-Direktorin Prof. Dr. Heiderose Kilper und der Vize-Rektor für Forschung und Internationale Beziehungen der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań (AMU), Prof. Dr. Jacek Witkoś, eine Kooperationsvereinbarung zwischen beiden Einrichtungen. Die Unterzeichnung war sowohl Ausdruck zahlreicher Treffen zwischen IRS und dem Institut für Soziologie der AMU im Vorfeld, als auch Auftakt für eine Vielzahl gemeinsamer Vorhaben. In ihrem Festvortrag auf dem Kickoff-Treffen im Februar 2015 betonte Kilper die vielen Aktivitäten, angefangen von Gastaufenthalten bis hin zu gemeinsamen Forschungsanträgen, die beide Institute bereits verbanden. Dies solle in den kommenden Monaten und Jahren intensiviert werden.

Zwei Jahre später wirft Prof. Dr. Gabriela Christmann einen freudigen Blick zurück auf das, was sich seither mit den Partnern der Universität Poznań entwickelt hat. Die IRS-Abteilungsleiterin fungiert als zentrale Kontaktperson zum Institut für Soziologie der AMU und hat mehrere Forschungsanträge auf den Weg gebracht, in denen IRS und AMU ihre Expertise zu sozialen Innovationen in ländlichen Räumen und deutsch-polnischen Grenzräumen einbringen. Einer davon, das EU-finanzierte European Training Network „RurAction“, war erfolgreich und verbindet beide Einrichtungen mit anderen Forschungsinstituten und Unternehmen in einem großen Netzwerk mit der strukturierten Nachwuchsausbildung.

Einen wichtigen Faktor für gemeinsame Anträge wie für lebendige Kooperationsbeziehungen sieht Christmann in engen persönlichen Beziehungen und intensivem Austausch, beispielsweise mit Dr. Łukasz Rogowski vom Institut für Soziologie der AMU. Rogowski war im Oktober 2015 als Gastwissenschaftler am IRS. Im „RurAction“-Projekt ist er als Experte für visuelle Methoden tätig und wird die Doktorandinnen und Doktoranden anleiten, wie sie „visuelle Forschungstagebücher“ im Rahmen ihrer Feldforschungen führen. Am Ende des Projekts soll ein Film produziert werden, der anschaulich über die Entstehung sozialer Innovationen auf dem Land informiert und Projektergebnisse präsentiert. Darüber hinaus werden die Beziehungen auch auf andere Weise gepflegt. So hielt Rogowski im Dezember 2016 mit polnischen Studierenden ein Seminar am IRS ab, um sie mit ausgewählten Forschungsthemen des IRS vertraut zu machen. Umgekehrt sind zwei IRS-Wissenschaftler im Sommer 2017 an die AMU eingeladen, um Kompaktseminare durchzuführen.

Die Beziehungen, die das IRS zu polnischen Wissenschaftseinrichtungen hat, stehen dabei in einer längeren Tradition. Bereits in den 1990er Jahren existierte eine Vereinbarung zwischen dem IRS und der Universität Warschau; auch die Kooperation mit der Universität Poznań hat einen Vorläufer. So gab es etwa eine Reihe grenzüberschreitender Forschungsprojekte: Das Projekt „BorderUni“ thematisierte institutionelle Lernprozesse durch Hochschulkooperationen in Grenzräumen und ihr Beitrag zur Europäischen Integration. Durchgeführt wurde es vom IRS und der AMU. Im Interreg-Projekt „Know-Man“ kooperierte das IRS unter anderem mit einer Woiwodschaft, einem Technologiepark und dem Euroreg-Zentrum an der Universität Warschau, um die Rolle von Technologieparks im Zusammenspiel von Forschung, Wirtschaft und regionaler Entwicklung zu untersuchen. Diese Entwicklungspfade der Forschung sind wichtig für das IRS, betont Heiderose Kilper, da sie langfristig eine große institutionelle Nähe zwischen Partnern aufbauen. Dennoch müsse jede Wissenschaftlergeneration ihre eigenen, neuen Bande knüpfen und die Beziehung mit Leben erfüllen.

Die Internationalisierungsstrategie, die das IRS im Jahr 2012 auflegte, hat dieses „Leben“ in vielerlei Hinsicht gefördert. Ein Schlüsselinstrument ist die Förderung von Gastaufenthalten, sowohl „incomings“ als auch „outgoings“. Acht polnische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verbrachten in den vergangenen Jahren längere Aufenthalte am IRS, die oft ein Ausgangspunkt für gemeinsame Publikationen, Vorträge oder Projektanträge geworden sind. Ein institutsfinanziertes „Fellowship“-Programm hat die Aufenthalte unterstützt und damit eine Intensivierung der Kooperationen zu Polen strategisch gefördert.

Doch Strategie allein reicht nicht, betont Kilper. Man könne nicht immer alles planen, man müsse vielmehr auch in der Lage sein, Gelegenheiten zu nutzen, wenn sie sich ergeben. Eine Kooperationsvereinbarung der Leibniz-Gemeinschaft mit der Polnischen Akademie der Wissenschaften war eine solche Gelegenheit für das IRS: Prof. Dr. Peter Haslinger vom Herder-Institut in Marburg stellte im Herbst 2013 im Auftrag der Leibniz-Gemeinschaft für die Geistes- und Sozialwissenschaften eine Delegation zusammen, die mit dem Ziel nach Polen reiste, konkrete Forschungspartnerschaften aufzubauen. Gabriela Christmann war Teil der Delegation und lernte in Wierzba (Masuren) die Wissenschaftlerin Dr. Anna Barcz vom Institute of Literary Research der Polnischen Akademie der Wissenschaften kennen. Schnell stellte sich heraus, dass es über die disziplinären Grenzen hinweg interessante Überschneidungen in den Forschungsinteressen und ein großes Potenzial für eine originelle Kooperation gab. Barcz besuchte daraufhin das IRS. Aus dieser Gelegenheit entstand ein erfolgreicher gemeinsamer Projektantrag im Beethoven-Programm der DFG und ihres polnischen Pendants NCN. Das Projekt „Socio-Cultural Constructions of Vulnerability and Resilience. German and Polish Perceptions of Threatening Aquatic Phenomena in Odra River Regions” (CultCon) “ ist im Sommer 2016 gestartet.

Tradition und Weiterentwicklung, persönliche und inhaltliche Nähe, Strategie und Gelegenheiten definieren das Koordinatensystem der sehr guten und lebendigen Kooperationen zwischen dem IRS und Partnern im Nachbarland Polen.