14. Juni | 2017

Soziale Innovationen und kreative Projekte in ländlichen Räumen

Dialog zwischen Forschung und Praxis auf dem 43. Brandenburger Regionalgespräch

Strukturschwache ländliche Räume sehen sich vor große Herausforderungen gestellt: Eine geringe wirtschaftliche Produktivität, fehlende Infrastrukturen, Probleme in der Nahversorgung und ein fortschreitender demografischer Wandel mit ungebremsten Abwanderungsbewegungen sind nur einige Beispiele für die vielfältigen Problemlagen. Darüber hinaus gelten diese Räume als wenig innovations-affin. Dennoch können in Brandenburg, wie in vielen anderen deutschen Bundesländern und europäischen Regionen, viele kreative Projekte beobachtet werden, die sich diesen Trends entgegenstellen. Ausgehend von diesem gemeinsamen Befund diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Forschung und Praxis auf dem 43. Brandenburger Regionalgespräch, welche Akteure unter welchen – hemmenden und fördernden - Rahmenbedingungen soziale Innovationen realisieren und welchen Impact diese Initiativen auf die Räume haben.

Zunächst stellten Prof. Dr. Gabriela Christmann und Dr. Ralph Richter von der Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“ des IRS ihr Vorgehen und erste Erkenntnisse aus zwei laufenden Forschungsprojekten zu dem Thema vor. Christmann betonte, dass sowohl krisenhafte Problemlagen als auch eine Vielzahl kreativer Projekte in ländlichen Regionen beobachtet werden können. Obgleich die Problemlagen stark hemmenden Einfluss auf innovative Ansätze haben, mache die Not aber zum Teil auch erfinderisch und schaffe Freiräume für Neues. Um diese Freiräume zu nutzen, seien Schlüsselfiguren als Impuls- und Ideengeber sowie als Triebkräfte vor Ort essenziell. Diese Schlüsselfiguren können „Fremde“ sein, die als Zugezogene oder Rückkehrer den „lock-in“-Effekt in den Gemeinden überwinden können, zugleich seien aber auch institutionell verankerte lokale Akteure als Triebkräfte sehr wichtig. In mehreren Projekten konnten Christmann und Richter zudem beobachten, dass unternehmerisch denkende Akteure und Sozialunternehmen oft in besonderem Maße treibende Kräfte sein  können, weil sie eine starke Handlungsorientierung haben, also nicht nur reden, sondern Dinge anpacken und gezielt vorantreiben.

Mit den Darstellungen von Projekten und Erfahrungen aus Klockow (Uckermark) und Plessa (Elbe-Elster) kam die Perspektive der Praxis im Regionalgespräch hinzu. Katrin Rohnstock stellte das Projekt „Lausitz an einem Tisch“ vor, das mittels Erzählsalons den Austausch und die Kommunikation über den eigenen Ort und seine Probleme wieder in Gang zu setzen versuchte. Marion Ben Rabah, Mitglied der Gemeindevertretung Schönfeld, fokussierte sich vor allem auf die hinderlichen Einflüsse und Faktoren für kreative Projekte.

In der gemeinsamen Diskussion wurden einige dieser Aspekte vertieft. So zeigten die unterschiedlichen Erfahrungen von Forschung und Praxis, wie kompliziert das lokale Geflecht aus Akteuren und Institutionen ist und wie dies Einfluss auf die Arbeit in sozial-innovativen Projekten nimmt. So sei zwar das oft festgefahrene Gefüge aus Vereinen, lokalen Verwaltungen, Bürgermeistern und Gemeinderäten ausgesprochen wichtig, damit eine neue Idee vor Ort überhaupt wahrgenommen und akzeptiert wird,es kann aber auch ein Faktor für das Scheitern des neuartigen Projekts sein. Inwieweit das Fremde und das Vertraute produktiv zusammengebracht werden können, sei ein Knackpunkt in vielen Initiativen. Dabei zeigte sich auch, dass die unterschiedliche Geschwindigkeit, mit der verschiedene Akteure und Institutionen bereit für Veränderungen sind, eine zum Teil unüberbrückbare Hürde darstellt.

Ein weiterer, intensiv diskutierter Aspekt waren die Förderstrategien speziell für soziale Innovationen auf dem Land. Ein einhellig identifiziertes Grundproblem ist die mangelnde Offenheit vieler Förderstrukturen. So müsse bereits bei der Beantragung von Fördermitteln genau feststehen, was wann und in welcher Form erreicht sein soll. Experimente oder Initiativen, die vorbereitenden Charakter haben – wie die Erzählsalons in der Lausitz, die die Grundlage für die Kommunikation und den Wissensaustausch vor Ort wieder herstellen, Dinge, die auf dem Land kurioserweise oft „verlernt“ worden sind – hätten hier Probleme, Fördermittel zu bekommen. Weiterhin zeigte die Diskussion, dass eine Modifikation der Förderstrukturen auf europäischer Ebene für Innovationen auf dem Lande hilfreich wäre. Die Förderfonds sind oft zu groß dimensioniert. Lokal wirksame, kleinteilige Projekte, wie sie nötig wären, fallen durch das Förderraster. Zudem sind Fördermittel wie aus dem Europäischen Sozialfonds oft auch thematisch fokussiert und nicht flexibel und offen gestaltet. Eine kontrastierende Beobachtung aus der Uckermark hingegen war, dass es häufig nicht an der finanziellen Ausstattung mangele, vielmehr sei die große Vielfalt von Förderstrukturen eine Überforderung für lokale Akteure. Auch die Skepsis im regionalen Umfeld, so etwa die Blockade-Haltung in lokalen und regionalen Verwaltungen, aber auch die kollektive Lethargie bei Bewohnerinnen und Bewohnern seien ein Hemmnis, wenn es um die Umsetzung neuartiger Ansätze für die Gemeindeentwicklung geht.

Am von Gerhard Mahnken moderierten 43. Brandenburger Regionalgespräch nahmen insgesamt 39 Vertreter aus Forschung, Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft, Kultur und Medien teil. In ihrem Abschlussstatement sprach Prof. Christmann von einem bereichernden Austausch, der sowohl für die Wissenschaft als auch für die Praxis eine Reihe neuer Perspektiven eröffnet habe.

Impressionen vom 43. Brandenburger Regionalgespräch

Podiumsteilnehmer/innen und Gastgeber/innen des Regionalgesprächs

Moderator Gerhard Mahnken

Statement von Prof. Dr. Gabriela Christmann

Statement von Dr. Ralph Richter

Offene Diskussion

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Statement von Katrin Rohnstock

Statement von Marion Ben Rabah

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Statements und Vorträge zum Download