11. April | 2017

(De-)zentrale Energiewende – Wirklichkeiten, Widersprüche und Visionen

Die Konferenz „(De-)zentrale Energiewende – Wirklichkeiten, Widersprüche und Visionen“, die im Juni 2016 vom Leibniz-Forschungsverbund Energiewende in Berlin durchgeführt wurde, widmete sich dem Spannungsfeld  der zentralisierten und dezentralisierten Energiesystemen. Die vorliegende Publikation enthält sieben ausgewählte Beiträge der Konferenz als eigenständige Artikel, unter anderem von Dr. Ludger Gailing und Andreas Röhring von der IRS-Forschungsabteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“. Im Sinne einer Konferenzdokumentation wird ergänzend eine kurze Zusammenfassung der Keynotes und aller weiterer Vorträge der Konferenz gegeben.

Die Energiewende in Deutschland stellt zentralisierte Strukturen der Gewinnung, Bereitstellung, Verteilung und Vermarktung von Energie zunehmend in Frage. Im Bereich der Elektrizität sind diese Veränderungen besonders augenscheinlich. Neue technologische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen fordern die alten Strukturen des Energiesystems heraus und ersetzen sie zum Teil schleichend, zum Teil radikal durch ein heterogenes Gefüge aus tendenziell dezentraleren, erneuerbaren Alternativen. So sind an die Stelle weniger großer Kraftwerke eine Vielzahl von Klein- und Kleinstanlagen getreten, die sich von konventionellen Großkraftwerken in ihren Eigentümerstrukturen, Betreibermodellen und Partizipationsmöglichkeiten teilweise grundlegend unterscheiden. Dadurch haben neue Akteure wie Genossenschaften oder Privathaushalte an Bedeutung gewonnen und sind mittlerweile fester Bestandteil des deutschen Strommarktes geworden. Gleichzeitig sind Fragen der erneuerbaren Energien vom technischen Spezialgebiet mancherorts zur identifikationsstiftenden Gemeinschaftsaufgabe avanciert. Dörfer und Regionen schließen sich zu „Bioenergiedörfern“ oder „100%-Erneuerbare-Energien-Regionen“ zusammen, und Städte aller Größenordnungen setzen sich ambitionierte Ziele zur Nutzung erneuerbarer Energien und zur Senkung der Treibhausgasemissionen. So entstehen neue Interessensgemeinschaften und neue räumliche Zusammenhänge mit veränderten Governancestrukturen.

Diese Veränderungen werfen wichtige Fragen nach der Verteilung von Kosten und Nutzen der Energiewende auf – in räumlicher, demografischer oder sonstiger Hinsicht –, die politisch ausgehandelt werden müssen. Auch die Gestaltung dieser Aushandlungsprozesse befindet sich im Wandel. Teils werden sie in experimentellen Settings, nicht zuletzt in sogenannten „Reallaboren“ ausgetragen, in denen diverse Akteure – von der politischen Administration, der Wissenschaft, der organisierten Zivilgesellschaft bis hin zur Industrie – gemeinsam an der Entwicklung innovativer Energietechnologien arbeiten und deren Umsetzung erproben. Dabei entstehen neben technologischem Wissen, das in der Breite übertragbar gemacht werden soll, auch neue und teilweise dezentrale Geschäftsideen und -partnerschaften. Innovative Speichertechnologien und Fragen der Sektorkopplung (Strom, Wärme und Verkehr) stehen in diesen Reallaboren nicht selten im Mittelpunkt. Denn wie fluktuierender, erneuerbar erzeugter Strom effektiv und kostengünstig für eine spätere Nutzung in unterschiedlichen Anwendungsbereichen zwischengespeichert werden kann, ist noch eine der großen technischen Herausforderungen der Energiewende. Unter anderem werden Hoffnungen in die Umwandlung von Elektrizität in gasförmige Energieträger („Power-to-X“) gesetzt. Die Entwicklung und künftige Marktdurchdringung unterschiedlicher Speicher- und Flexibilitätsoptionen hängt auch davon ab, wie zentral beziehungsweise dezentral das zukünftige Energiesystem organisiert ist.

Diese Veränderungen werfen Fragen auf, die sich kaum aus einer einzigen wissenschaftlichen Perspektive heraus beantworten lassen. Der Leibniz-Forschungsverbund Energiewende untersucht daher die vielfältigen Schnittstellen zwischen den technisch-naturwissenschaftlichen Problemen der Energiewende und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Fragen, die für die Gestaltung eines nachhaltigen, sozialverträglichen Energiesystems von entscheidender Bedeutung sind. Der Forschungsverbund ist ein Zusammenschluss von 21 Leibniz-Instituten, die aus unterschiedlichen Fachrichtungen zu vielfältigen Fragen der Energiewende arbeiten. Die Forschungsagenda des Verbunds widmet sich dabei drei Spannungsfeldern: zentralisierte versus dezentralisierte Energiesysteme, private versus öffentliche Interessen und globale versus lokale Wirkungen. Untersucht werden Konflikte und Engpässe innerhalb dieser Spannungsfelder, die den Transformationsprozess begleiten und die zugleich als Hemmnisse und als Chancen für die Energiewende verstanden werden können.

Die Publikation enthält unter anderem einen Beitrag von Andreas Röhring, wissenschaftlicher Mitarbeiter der IRS-Forschungsabteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“. Der Beitrag trägt den Titel „Die Konstituierung dezentraler Handlungsräume erneuerbarer Energien – Chancen und Herausforderungen für die Kreation neuer Entwicklungspfade“. Darin legt Röhring dar, wie die Energiewende zur Herausbildung einer Vielzahl neuer dezentraler Handlungsräume erneuerbarer Energien wie Bioenergieregionen, 100%-Erneuerbare-Energie-Regionen und anderen Modellregionen führte. Diese sind durch unterschiedliche regionale Rahmenbedingungen und Akteursstrukturen geprägt und auf verschiedene Zielstellungen und Handlungsfelder gerichtet. Die Konstituierung dieser neuen Handlungsräume der Energiewende wird oft durch zeitlich begrenzte monetäre und ideelle staatliche Anreize ausgelöst, ist jedoch weitgehend von der Initiative dezentraler Akteure abhängig. Zur Untersuchung und Erklärung dieser Prozesse können pfadtheoretische Ansätze beitragen. Deshalb wird die Konstituierung neuer Handlungsräume in diesem Beitrag als intendierte Pfadkreation interpretiert, deren längerfristige Stabilisierung durch die Herausbildung von positiven Rückkopplungen erfolgt. So bieten dezentrale Handlungsräume die Möglichkeit, die mit der Ubiquität erneuerbarer Energieressourcen gegebene Dezentralisierung der Energieerzeugung als Potenzial für die regionale Entwicklung zu erschließen. Dabei geht es um die Erhöhung der regionalen Wertschöpfung und um Teilhabe, aber auch um Gestaltungsmöglichkeiten für eine regional angepasste Entwicklung erneuerbarer Energien.

Schill, W-P., Canzler, W., Gailing, L., Quitzow, L., & Uhrlandt, D. (Hrsg.) (2017). (De-)zentrale Energiewende – Wirklichkeiten, Widersprüche und Visionen. (Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung; Band 85, Nr. 4). Duncker & Humblot.