01. März | 2017

Buchpublikation "Städtische öffentliche Räume. Planungen, Aneignungen, Aufstände 1945–2015"

In einer Zeit, in der urbanisierte Räume zur weltweit dominierenden Siedlungsform geworden sind, gewinnen die planerische Gestaltung dieser Räume sowie deren Nutzung und Aneignung durch die Stadtbewohner an gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Städtische öffentliche Räume wurden im Verlauf des 20. Jahrhunderts geradezu zum Brennglas und Spiegel gesellschaftlichen Wandels. Planer und Politiker erkannten sie als entscheidenden strategischen Hebel für die Einwirkung auf die Stadtgesellschaft, Bürger besetzten sie in vielfältiger Weise als Lebensraum und politische Bewegungen nutzten sie als Bühne. Die Planung und Aneignung dieser Räume kann daher, so die Grundthese des Buches „Städtische öffentliche Räume“, als Seismograph der Urbanisierungs- und Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts und bis hinein in die Gegenwart angesehen werden. Dies haben zuletzt die Kämpfe um und in öffentlichen Stadträumen von Kairo über Istanbul bis Kiew überdeutlich gezeigt, die auch im Zeitalter von Internet und Smartphone immer noch auf den realen, physisch-materiellen Plätzen der Städte ausgetragen werden müssen.

Die Bedeutung und Wirkung dieser Räume für die Gesellschafts- und Stadtentwicklung ist nur angemessen zu erfassen, wenn ihre planerische Antizipation, bauliche Genese und physische Umgestaltung mit der Nutzung und Aneignung durch die Stadtbewohner in einer integrierten Betrachtung zusammengeführt werden. Bisher wurden der Planungsprozess einerseits und die späteren Nutzungen andererseits mit wenigen Ausnahmen in disziplinärer Zersplitterung von Planern, Soziologen, Planungs- und Stadthistorikern weitgehend getrennt bearbeitet. Dadurch bleiben in den meisten Fällen entweder die gesellschaftliche Wirkung von Planung oder die baulich-planerischen Vorgaben für die Nutzung unterbelichtet.

Der vorliegende Sammelband, welcher wesentlich auf Ergebnissen des haushaltsfinanzierten Forschungsprojekts „Freiraumgestaltung als Urbanisierungsstrategie zwischen Herrschaft und Öffentlichkeit im deutsch-deutschen Vergleich“ beruht, analysiert die Planung und Aneignung der städtischen öffentlichen Räume im längerfristigen Wandel über Einzelfälle und Ländergrenzen hinweg. Neben einer disziplinenübergreifenden Perspektive nehmen die Autorinnen und Autoren zudem eine Sichtweise auf Planung ein, die das Wirken von Architekten und Planern nicht auf das „Pläne verfertigen“ und somit auf das Interpretieren und Vollstrecken zeitgebundener Leitbilder reduziert. Vielmehr wird Planung als institutioneller, über Netzwerke vermittelter Prozess mit vielen Akteuren, Interessen und kontroversen Diskussionen verstanden, der nicht zuletzt wesentlich von Macht- und Herrschaftsinteressen bestimmt ist. In dieser Perspektive kommt zum Ausdruck, dass Planung und Aneignung als eng verwobene Prozesse betrachtet werden.

Der Sammelband beleuchtet in zwölf Beiträgen, fünf davon in englischer Sprache und mit internationaler Perspektive, unterschiedliche Dimensionen dieses Themas. Im ersten Teil stehen die Freiraumplanungen und damit die Strategien, Netzwerke und Akteure der Planung im Fokus. Im zweiten Teil werden urbane öffentliche Räume also Orte von Aneignungen im Alltag beschrieben und analysiert. Schlussendlich stellt der dritte Teil des Bandes die sozialen und politischen Revolten in den Mittelpunkt und zeigt am Beispiel von Leipzig, Genua, Kairo und Tunis, wie städtische öffentliche Räume zum Brennglas tiefgreifender sozialer und politischer Veränderungen werden.

Bernhardt, C. (Hrsg.) (2016). Städtische öffentliche Räume / Urban Public Spaces: Planungen, Aneignungen, Aufstände 1945–2015 / Planning, Appropriation, Rebellions 1945–2015. (Beiträge zur Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung; Band 19). Stuttgart: Franz Steiner Verlag. 313 Seiten