15. Februar | 2017

Zwischen global und regional: Forschungen zu Umweltwandel und Migration

Abschlusskonferenz des Projekts "New Regional Formations"

Am 8. und 9. Dezember 2016 fand in der Geschäftsstelle der Leibniz-Gemeinschaft die Abschlusskonferenz des Forschungsprojekts „New Regional Formations“ statt. In dem Projekt untersuchten Forschungseinrichtungen aus Deutschland in Zusammenarbeit mit Partnern in den Küstenregionen Keta im Südosten Ghanas und Semarang im Norden Javas, Indonesien, den Zusammenhang von Umweltwandel und Migration. Beide Prozesse zeigen sehr spezifische Interaktionen zwischen globaler und lokaler Ebene: Globaler Klima- und lokaler Umweltwandel auf der einen Seite, regionale Migrationsmuster und internationale Diaspora auf der anderen Seite.

Das von der VolkwagenStiftung finanzierte Projekt beforschte diese Prozesse aus interdisziplinärer Perspektive in einem Konsortium aus Sozial-, Kultur- und Wirtschafts- sowie Naturwissenschaftlern aus Forschungseinrichtungen in Bremen, Essen und Erkner. Um die gewonnenen Erkenntnisse mit lokalen Experten zu diskutieren, gehörten zudem zwei Wissenschaftler aus Ghana und Indonesien zum Scientific Advisory Board des Projektteams. Durch zwei regionale Konferenzen vor Ort (in Accra und Yogyakarta) und die entsprechend gestaltete Abschlusskonferenz des Projekts gelang es, die Reflektionen und Perspektiven internationaler Experten prominent in das Projekt zu integrieren. Dieses Forschungsdesign habe sich durch die intensive Beschäftigung mit den Untersuchungsgegenständen und -räumen und eine langjährige Kooperation ergeben, so die Leiterin des IRS-Teilprojekts „Migrant Trajectories“, Prof. Dr. Felicitas Hillmann. Vergleichende Forschungen zu komplexen Prozessen wie Umweltwandel und Migration mit dem Anspruch, regionale und transnationale Muster aufzudecken und zu analysieren, erfordern einen hohen Grad der Internationalität, der Interdisziplinarität und der methodischen Vielfalt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Projekt untersuchten zwischen 2013 und 2016 zwei Küstenregionen, die jeweils wichtiger Teil nationaler Migrationsmuster sind und zugleich von massiven Veränderungen ihrer Küstenmorphologie und Ökosysteme betroffen sind. Die Region Semarang in Zentraljava (Indonesien) ist von starker Landsenkung (Subsidenz) und wiederkehrenden Hochwassern bedroht; im Distrikt Keta (Ghana) findet besonders intensive Erosion entlang der Küste statt. In beiden Regionen sei ein rascher und bedeutsamer Wandel nicht eine Projektion oder Vorhersage für die Zukunft, sondern seit Jahrzehnten bestehende Realität, so Hillmann.

Um die entstehenden regionalen Formationen zu erforschen, wurde ein neuartiger Methodenmix aus qualitativen Methoden, wie sie in den Sozial- und Geisteswissenschaften gängig sind, ökonomischen Experimenten („Spiele“) und kartographischen Verfahren aus der Humangeographie eingesetzt. Im Forschungsprozess zeigte sich die Notwendigkeit, selbst einen quantitativen Haushalts-Survey in beiden Regionen durchzuführen, um eine verlässliche Datengrundlage für die qualitativen, interpretativen Arbeiten zu schaffen. Die Fokussierung auf das regionale, meso-skalige Niveau der Beobachtung – und der Aggregation von Befunden – reflektierte die Annahme, dass Regionen deutlich an Bedeutung gewonnen haben, einmal für die ökonomische und politische Entwicklung insgesamt, und zweitens als interpretative Rahmungen mit starkem Einfluss auf individuelle und kollektive Identitäten. Regionen ließen sich in diesem Sinne als vermittelnde politische Arenen konzipieren, in denen lokale Akteure und Politikprozesse mit nationalen Vorgaben zusammentreffen und diese ebenso neu aushandeln wie die jeweiligen Anpassungsdiskurse inter- und transnationaler Akteure und Organisationen.

Im Projektverlauf führten die Projektpartner gemeinsam mit den lokalen Partnern in Ghana und Indonesien zwei Lokalkonferenzen durch, um erste Erkenntnisse in diesem Rahmen zu diskutieren. Oftmals erhielten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch diese Veranstaltungen entscheidende Hinweise für die kulturellen Hintergründe bestimmter Migrationsmuster oder für Wahrnehmungen von Umweltereignissen wie Hochwassern. Die Rekonstruktion der Mobilitäts- und Migrationsmuster zeigte beispielsweise, dass Umweltwandel vor allem kleinräumige regionale Mobilität zur Folge hat und selten der Auschlaggeber für internationale Migration war. Auf der anderen Seite wirkten sich regionale Identitäten, Kulturen und Wahrnehmungen stark auf die Diaspora aus, etwa indem die ghanaischen „chiefs“ in Keta sich mit den in den Zielländern der Auswanderung organisierten Ewe-Angehörigen in Verbindung setzen bzw. in Verbindung bleiben. Die Verbindungen zwischen den Auswanderern und ihren Herkunftsregionen blieben im Fall Ghanas relativ stabil, was sich beispielsweise durch häufige Geldsendungen oder die Überführung von Toten zur Bestattung in ihrer Heimatregion, manifestierte. Ganz anders gestalteten sich die Rückwirkungen im Falle Indonesiens: hier zeigte sich, dass die regelmäßigen Überflutungen nicht zu einer Abwanderung führten, internationale Migration eine untergeordnete Rolle spielte und vielmehr die rapide Urbanisierung weitere Zuwanderer in die überfluteten Gebiete zog.

Diese Interaktion von regionalen und globalen Prozessen stellte somit eines der Schwerpunktthemen der Abschlusskonferenz des Projektes im Dezember 2016 in Berlin dar. Die internationale Konferenz wurde vom am IRS angesiedelten Teilprojekt „Migrant Trajectories“ ausgerichtet, Giulia Borri und Prof. Dr. Felicitas Hillmann kümmerten sich um Organisation, Durchführung und Nachbereitung. Über 40 Teilnehmer und 25 Beiträge aus unterschiedlichen Ländern sorgten für eine lebendige Diskussion über die Forschungsergebnisse. Prof. Dr. Lori Hunter (University of Boulder) hielt die Key Note Rede mit dem Titel: Migration and Environmental Change: Linking Theory and Empirical Research to Regional Transformations”. Vorträge von Forscherinnen und Forschern aus Ghana und Indonesien ermöglichten es, die Themen des Umweltwandels und der Migration, sowie auch der Entscheidung nicht zu migrieren, in anderen Perspektiven zu diskutieren. So wurde zum Beispiel klar, wie sehr individualistisches oder kollektives Verständnis sozialer Organisation das Handeln prägt und wie sich dies im Zusammenwirken von Umweltwandel und Migration niederschlägt.

Keynote Lecture "Migration and Environmental Change: Linking Theory and Empirical Research to Regional Transformations" by Lori M. Hunter (University of Colorado at Boulder)

Lecture "Fragile Connections in Transnational Space:  The Relevance of the Ghanaian Diaspora for Regional Development in Keta" by Prof. Dr. Felicitas Hillmann (IRS).