15. Dezember | 2016

Kolloquium „Migration und Baukultur von der Antike bis zur Gegenwart“ am IRS

Vom 23. bis 25. November 2016 veranstaltete das DFG-Graduiertenkolleg 1913 „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“ sein zweites Querschnittskolloquium „Migration und Baukultur von der Antike bis zur Gegenwart“ am IRS. Es widmete sich den Auswirkungen von Migrationsbewegungen auf Architektur, Bautechnik und Städtebau. An Beispielen aus dem gesamten Spektrum der Geschichte wurde untersucht, wie sich das Bauwesen durch individuelle und kollektive Einwanderung, aber auch Eroberung und Unterwerfung verändert. Das IRS ist in Person von PD. Dr. Christoph Bernhardt Mit-Antragssteller des Graduiertenkollegs an der BTU Cottbus, das sich seit 2014 mit historischen Bauten im Spannungsfeld zwischen Kunst, Technik und Gesellschaft in unterschiedlichen Zeithorizonten und Kulturkreisen befasst.

Mit einem Festvortrag von Prof. em. Dr. Karl-Siegbert Rehberg, Forschungsprofessor für Soziologische Theorie, Theoriegeschichte und Kultursoziologie an der Universität Dresden, wurde das zweite Querschnittskolloquium des Graduiertenkollegs am 23. November 2016 an der Humboldt-Universität zu Berlin eröffnet. Rehberg sprach zum Thema „Verortung des Erinnerns oder des Vergessens? Von Heimatverlust, Transitexistenz und neuen Lebensräumen“. In seinem Festvortrag diskutierte er die unterschiedlichen Migrationstypen und erörterte, ob und in welchem Maße Migrationsströme ein Architekturproblem darstellen. Temporäre Willkommenskultur bis zu rechtspopulistischen Hass-Reaktionen sind die ambivalenten Reaktionen auf die aktuelle Entwicklung. Dies mobilisiert, wie die diesjährige Architekturbiennale in Venedig beweist, auch stadtplanerische und architektonische Phantasie für eine situationsangepasste Gestaltung von Räumen und Bauten.

In ihrer Einführung am 24. November 2016 im IRS wies Prof. Dr. Heiderose Kilper darauf hin, dass das Graduiertenkolleg nicht nur für Interdisziplinarität zwischen Geistes-, Sozial- und Ingenieurwissenschaften steht, sondern auch für die Kooperation in der Doktorandenausbildung zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung, zwischen Brandenburger und Berliner Wissenschaftseinrichtungen: der BTU Cottbus-Senftenberg, des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) sowie des Exzellenz-Clusters TOPOI, das von den drei Berliner Universitäten und dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) getragen wird.

Das Kolloquium ist entlang von drei thematischen Linien strukturiert worden: 1. Formen und Repräsentationen des Bauens; 2. Techniken und Fertigkeiten des Bauens; 3. Funktionswandel des Bauens. Kilper ergänzte aus sozial- und geschichtswissenschaftlicher Sicht diese Perspektiven auf das Thema „Migration und Baukultur“ durch drei Fragelinien.

Die erste Fragelinie bezieht sich auf das Thema „Migration“ und lautet: Um welche Art bzw. um welchen Typus von Migration handelt es sich jeweils? Allein schon die Themenblöcke und Vortragstitel des Kolloquiums signalisierten, dass für dieses Phänomen ganz unterschiedliche Begriffe gewählt worden sind. Daraus leitete Kilper zwei Überlegungen ab: Zum einen kann Migration durch ganz unterschiedliche Faktoren ausgelöst werden, durch freiwillige Entscheidungen, durch politische Repression und Verfolg, durch Krieg, durch ökonomischen Druck. Zum anderen richtet sich die Aufmerksamkeit auf Gruppen wie auch auf Einzelpersönlichkeiten, auf kollektive wie auf individuelle Zuwanderung. Die Frage, was – wie – von wem im Ankunftsland gebaut wird, hängt entscheidend von der Art der Migration ab.

Die zweite Fragelinie bezieht sich auf das Thema „Baukultur“ und lautet: Wie wird im Aushandlungsprozess über „Baukultur“, der im Ankunftsland stattfindet, das jeweils Andere und Fremde aufgenommen und integriert? Was wird „abgestoßen“? Sie hebt hervor, dass die baukulturelle Transfer-Dimension gleichsam eine doppelte ist: einmal Transfer in Bezug auf die Expertise, die Erfahrung, das Können und Wissen der Migranten, die sich im Gebauten und damit Materiellen manifestieren; dann der Transfer in Bezug auf das Immaterielle und Soziale. Gemeint ist damit der Transfer im Zusammenhang mit dem Prozess, in dem im Ankunftsland, aber auch – im Fall des Re-Imports – im Herkunftsland der Migranten eine Verständigung und Aushandlung darüber stattgefunden hat bzw. stattfindet, was im jeweiligen historischen, politischen und kulturellen Kontext als „Baukultur“ verstanden wird und somit als „Baukultur“ gilt.

Die dritte Fragelinie richtet sich auf mögliche epochenübergreifende Entwicklungslinien im Kontext von Migration und Baukultur. Kilper erinnerte daran, dass im Kolloquium mit dem Anspruch „… von der Antike bis zur Gegenwart“ ein enormer zeitlicher Bogen geschlagen wird: Mit dem „Odeion des Perikles in Athen“ begibt man sich in das 5. Jh. v. Chr.; die Wanderung der Vandalen nach Nordafrika ereignete sich im 5. Jh. v. Chr.; die asiatische Diaspora in Berlin und Amsterdam sowie die türkische Remigration sind Phänomene der Gegenwart. Deshalb die Frage: Lassen sich aus den Beiträgen des Kolloquiums etwaige epochenübergreifende Merkmale ableiten?

Entlang der thematischen Linien, dieser übergreifenden Fragen und der vielfältigen Inputs durch die Referentinnen und Referenten diskutierten die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kolloquiums zwei Veranstaltungstage lang über die vielfältigen Zusammenhänge von Migration und Baukultur. Die interdisziplinäre Tagung zeigte ein facettenreiches Bild der Auswirkungen unterschiedlicher Migrationsformen auf die Baukultur und, dass Migration im Sinne von Wissenszirkulation und -vermittlung sowie kulturellem Transfer vielfältige positive Wirkungen auf die Ankunftsgesellschaft und die Migranten haben kann.