27. November | 2016

Wahrnehmung von Klimarisiken und Maßnahmen gegen Klimawandel sind Kulturfragen

Maßnahmen zum Umgang mit dem Klimawandel scheitern vielerorts nicht an technischen Möglichkeiten, sondern an sozialen und kulturellen Differenzen zwischen politischen und gesellschaftlichen Akteuren. Wissen über den Klimawandel wird weltweit unterschiedlich aufgenommen, dies zeigt nicht nur die wachsende Zahl von "Klimaskeptikern". In einer umfangreichen Studie ist der Kulturwissenschaftler und Soziologe Dr. Thorsten Heimann diesen Unterschieden in der Wahrnehmung und Bewertung des Klimawandels auf den Grund gegangen. Er fand heraus, dass räumlich sehr differenzierte kulturelle Verarbeitungsmuster die Ursache für unterschiedliche Sichtweisen auf den Prozess sind - mit erheblichen Folgen für adäquate Maßnahmen.

Heimann befragte europaweit über 800 Entscheider aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft mit Verantwortung für Küstengemeinden. Die Studie fertigte er als Dissertation im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin an. Sie erscheint in diesen Tagen unter dem Titel "Klimakulturen und Raum. Umgangsweisen mit Klimawandel an europäischen Küsten" im Verlag Springer VS. Anhand seiner Untersuchungen zeigt Heimann, wie sich die Vorstellungen über Bedrohungen und Chancen des Klimawandels sowie die Beurteilung von Maßnahmen auf kulturelle Unterschiede beteiligter Akteure zurückführen lassen. Diese seien größer als gedacht, auch über kurze Entfernungen lassen sich erhebliche Abweichungen in der Wahrnehmung feststellen. "Viele Gesellschaften sind heute kulturell weitaus fragmentierter als im 20. Jahrhundert. Die Beurteilung des Klimawandels hängt vielfach vom kulturellen Wissen ab, das wir mit anderen teilen. So ist Klimaskeptizismus etwa eng mit konservativen Wertvorstellungen und Weltbildern verbunden. Donald Trump wäre in diesem Zusammenhang ein Paradebeispiel", sagt Heimann. Weiterhin spiele aber auch die Historie einer Region eine wichtige Rolle: "In den Niederlanden ist die Angst vor Landverlusten etwa weitaus niedriger als in Deutschland oder Dänemark, denn hier hat sich über die Jahrhunderte das Bewusstsein verbreitet, mit Fluten umgehen zu können."

Diese Erkenntnisse können laut Heimann einen Zugang zur Verbesserung von Strategien im Umgang mit dem Klimawandel bieten. Was eine adäquate Maßnahme ist, müsse vor dem Hintergrund der lokalen Klimakulturen entschieden werden. "Beispielsweise führt die Bedrohung durch Hochwasser nicht immer zu denselben Strategien", ergänzt Heimann. In Deutschland sei es derzeit ein Tabu, Siedlungen für natürliche Überflutungsflächen aufzugeben. In den Niederlanden gebe es hingegen einzelne Landstriche, für die es zur Strategie wurde, dem Wasser mehr Raum zu geben. "Wir müssen davon wegkommen, für alle Probleme dieser Art einen überall gültigen Standard finden zu wollen. Wenn kulturelle Unterschiede missachtet werden, wird fehlender Konsens zum Scheitern der Bemühungen führen."