02. November | 2016

Open Creative Labs in Deutschland – Typologisierung, Verbreitung und Entwicklungsbedingungen

In den vergangenen 10 bis 15 Jahren sind vor allem in westlichen Industrieländern aber auch darüber zahlreiche Orte für kreatives Arbeiten, Basteln und Experimentieren aber auch für freischaffendes Arbeiten gegründet worden. Betreiber und Nutzer bezeichnen sich selbst oft als Teil von Gemeinschaften, die Individuen offenen Zugang zu Werkzeugen der analogen wie auch digitalen Produktion ermöglicht. Ziel des 2015 gestarteten BMBF-Projekts „Open Creative Labs in Deutschland“ ist es, diese Orte in den Metropolregionen Deutschlands zu identifizieren und hinsichtlich ihrer Typologisierung, räumlichen Verteilung und Bedeutung für Städte und Regionen zu analysieren. Erste Ergebnisse des Projekts sind nun in Form einer Broschüre erschienen.

Die Entstehung von „Open Creative Labs“ steht im Zusammenhang mit grundlegenden sozio-ökomischen Wandlungsprozessen. Zum einen ändert sich die Organisation von Arbeit zugunsten projektförmiger Arrangements in freiberuflichen Tätigkeiten. Gleichzeitig öffnen Firmen ihre Innovationsprozesse indem sie Kunden und Nutzer stärker einbeziehen. Schließlich ist ein gesteigertes Bedürfnis nach individuellen, selbstgestalteten Problemlösungen zu beobachten. Dies hat eine erhöhte Nachfrage nach offenen Orten zum Experimentieren, zum Interagieren und zum Verwerten neuer Ideen zur Folge, die durch Open Creative Labs bedient werden kann.

Insgesamt 357 solcher Orte konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler identifizieren. Mit Hilfe einer Clusteranalyse haben sie aus den erhobenen Daten eine Systematik aus sechs Typen herausgearbeitet, die sich vor allem in Offenheit, thematischem Fokus und organisatorischer Anbindung unterscheiden. Zunächst lassen sich zwei Gruppen erkennen: Auf der einen Seite stehen Orte, die vornehmlich Arbeitsumgebung für die Nutzer anbieten (Working Labs). Auf der anderen Seite hat die Clusteranalyse die Gruppe der Experimentation Labs aufgezeigt, in denen Testen und Ausprobieren im Fokus stehen. Beide Gruppen lassen sich wiederum differenzieren in generische und thematisch fokussierte Orte sowie in Labs, die explizit kompetitiv ausgerichtet sind.

Open Creative Labs insgesamt, aber insbesondere auch deren Typen verteilen sich sehr ungleichmäßig über die elf Metropolregionen in Deutschland. Allein in der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg befinden sich 100 Labs und dort hauptsächlich in der „Lab-Metropole“ Berlin. Bemerkenswert ist auch die im Vergleich zu den anderen Metropolregionen hohe Zahl von Labs in der Metropolregion Mitteldeutschland (u.a. Dresden, Leipzig und Halle). Mit Blick auf die Typen zeigt sich zum Beispiel, dass Berlin als Startup-Metropole im Vergleich die meisten kompetitiven Labs beheimatet, während die Metropolregion Nürnberg zum Beispiel vergleichsweise vielen generischen Experimentierlabs als Standort dient. Einen Grund hierfür sieht Projektbearbeiterin Dr. Suntje Schmidt im Projekt „MetroLab“ im Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik, über welches ein die Metropolregion Nürnberg überspannendes Netzwerk aus „Fabrication Laboratories“ aufgebaut werden soll.

Sekundärstatistische Analysen, wie sie im Projekt durchgeführt wurden, bieten aber nur begrenzt Erklärungsansätze für diese räumliche Verteilung. Viel entscheidender seien die lokalen Bedingungen (z.B. Stadtquartiere im Aufwertungsprozess) oder aber die Nähe zur universitären und unternehmerischen Forschung. Insbesondere zentrale, funktionsgemischte Stadtteile mit einer vibrierenden Kreativszene werden als Standorte bevorzugt. Hier suchen Labs Freiräume – baulich, ideell und finanziell. Inwieweit sie dabei Aufwertungsprozesse gestalten oder von ihnen zumindest temporär profitieren, bleibt eine offene Forschungsfrage.

Aus diesen Forschungsergebnissen ergeben sich erste Ansätze für eine wirtschaftspolitische Bewertung: Schmidt erkennt in Labs grundsätzlich einen gesellschaftlichen Mehrwert, weil sie Komplementärfunktion im Arbeitsmarkt und in der nutzergetriebenen Forschung ausüben können. Sie bieten die Chance, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit lokal zu verankern und partizipativ zu organisieren. Vielversprechende Fördermöglichkeiten liegen zum Beispiel in der Wissenschafts- und Innovationspolitik, wenn es gelingt, Gelegenheiten für Forschungs- und Entwicklungsprozesse jenseits der traditionellen Institutionen über Labs zu erschließen. Für regionale Entwicklungspolitiken bieten Labs zudem Anknüpfungspunkte für die Stärkung von Kultur- und Kreativökologien.

Die Broschüre steht auf der Projektwebsite zum Download zur Verfügung.

Schmidt, S., Ibert, O., Kuebart, A., & Kühn, J. (2016). Open Creative Labs: Typologisierung, Verbreitung und Entwicklungsbedingungen. Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung.