13. Oktober | 2016

Mehr als Rhein-Mythos: „Die Flussbiographie“ des Oberrheins als transnationale Raum- und Umweltgeschichte

Ein Essay von Christoph Bernhardt.

Im August 1876 wurde der Opernzyklus "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner im Bayreuther Festspielhaus uraufgeführt. Wagner verarbeitete darin eine Reihe von Sagen und Mythen zu einem epochalen Bühnenwerk. Neben Siegfried und Brunhilde, Hagen und Etzel spielt ein Fluss eine tragende Rolle: Der Rhein, wo das sagenhafte Rheingold die Geschichte ins Rollen bringt.

Doch nicht nur bei Wagner, auch bei Heinrich Heine oder Victor Hugo wird der Rhein literarisch verarbeitet und damit mythisch überhöht. Wie es der Zufall will, ist das Jahr 1876 auch in gänzlich anderem Zusammenhang ein bedeutendes Jahr für den Rhein. Als der "Ring des Nibelungen" Premiere feierte, endete einer der größten Landschaftseingriffe der jüngeren europäischen Geschichte: Zwischen 1817 und 1876 wurde der Oberrhein zwischen Basel und Mannheim um über 80 Kilometer (!) verkürzt. Auch die Begradigung des Flusslaufs, im Kern eine technische Leistung, kommt ironischerweise nicht ohne einen noch heute gepflegten Mythos aus: Der badische Ingenieur Johann Gottfried Tulla entwarf ab 1809 die Pläne zur Begradigung des Oberrheins. Er wurde und wird in Baden als Heilsbringer verehrt, der den wilden Rhein gebändigt und aus der Wildnis einen Garten gemacht hat. Sein Wirken wird zudem in einen engen Zusammenhang mit der Neugründung des badischen Staates gestellt und die von ihm geplanten wasserbaulichen Maßnahmen werden als große patriotische Tat gefeiert.

Für die IRS-Forschung sind diese Vorgänge nicht aus dem Blickwinkel der Mythenforschung interessant, vielmehr eignet sich die Begradigung des Oberrheins als Paradebeispiel für eine durch raum- und sozialwissenschaftliche Perspektiven qualifizierte historische Umweltforschung. Das Großprojekt brachte auf der einen Seite umfangreiche Landgewinne und verbesserte die Voraussetzungen für die Großschifffahrt, verursachte aber andererseits bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhebliche Konflikte. Das aus Forschungen im Rahmen meiner Habilitation hervorgegangene Buch "Im Spiegel des Wassers" untersucht über das in seiner Zeit gigantische Begradigungsunternehmen hinaus auch die späteren Großprojekte zum Umbau des Oberrheins, von der Regulierung des Flussbetts im frühen 20. Jahrhundert über die Wasserkraftgewinnung in den 1920er-Jahren bis zur Auenrenaturierung des späten 20. Jahrhunderts.

Die Bedeutung von Raumbezügen für jede Form von Umweltforschung liegt dabei auf der Hand. Die "Flussbiographie" des Oberrheins - einer der Brennpunkte großer historischer und aktueller Umweltkontroversen - aus einem von der IRS-Forschung inspirierten Blickwinkel als transnationale Raum- und Umweltgeschichte zu untersuchen, versprach daher eine fruchtbare Erweiterung etablierter umwelthistorischer Perspektiven. So lässt sich der auf den ersten Blick schwer überschaubare langfristige Wandel der Konfliktlagen zwischen verschiedenen Formen der Wassernutzung mit einem institutionenanalytischen Ansatz gut beschreiben: Die Identifizierung institutioneller Wendepunkte, an denen zum Beispiel um die Mitte der 1850er-Jahre die Großschifffahrt als hegemoniale Nutzung, nach dem Ersten Weltkrieg die Wasserkraft und seit den 1970er-Jahren ökologische Maßnahmen durchgesetzt wurden, fördert das Verständnis für wechselnde Machtkonstellationen am Fluss. Auch die von der kritischen Geographie inspirierte Analyse von lokalen und außenpolitischen Konfliktpotentialen von Großprojekten weist erhebliches Potenzial für historische Synthesen und Periodisierungsfragen auf. Zudem fördert die kritische Integration "skalarer" Perspektiven, die am Grenzfluss Oberrhein zum Beispiel den Blick für die Zusammenhänge von lokalen Konflikten um Wasserbaumaßnahmen und außenpolitische Interessen schärft, einen frischen, sozialwissenschaftlich qualifizierten Blick auf historische Prozesse.

Die besondere Aufmerksamkeit der Studie für raumpolitische und -ökonomische Fragen förderte die Aufdeckung und Neuinterpretation zahlreicher komplexer historischer Konfliktlagen. So bedurfte es etwa im frühen 19. Jahrhundert außerordentlich ausgefeilter Verfahren, um das einseitige Kosten-Nutzen-Verhältnis zwischen den beteiligten Staaten bei Durchschnitten von Mäandern am Grenzfluss zu überwinden, die zu umfangreichen Veränderungen von Eigentums- und Landesgrenzen führten. Hierzu habe ich bei der Analyse über die Erfassung des internationalen Forschungsstands hinaus konsequent deutsche und französische Quellen ausgewertet, um darüber zu einer kritischen Reflektion und Bewertung nationaler Denkstile und Forschungsparadigmen zu gelangen. Auch dabei ergaben sich wieder wichtige raumwissenschaftliche Einsichten, etwa zur grenzüberschreitenden Zirkulation von Wissen und Konzepten für Infrastrukturprojekte sowie von Geschichtsbildern und Werturteilen, bis hin zu den Logiken nationalistisch aufgeladener Ressentiments in Umweltfragen.

Gänzlich verschwunden sind die Legenden und Mythen aus der umwelthistorischen Forschung jedoch nicht, im Gegenteil. Neben kollektiven Verhaltensmustern in den Rheindörfern, der Entwicklung wasserbaulicher Techniken, Budgetdebatten um Wasserbauvorhaben und Konflikten zwischen Städten und Regierungen ist auch die heute im deutschen Südwesten sehr lebendige Legende um Johann Gottfried Tulla ein spannender Aspekt sozialräumlicher Entwicklung. Bei der Analyse von weitreichenden Wandlungsprozessen des Institutionensystems spielen eben nicht nur gebaute, materielle Strukturen wie Kanäle oder Mäander eine Rolle, sondern auch Veränderungen im sozialen Handeln direkt oder indirekt beteiligter Akteure. In mehrfacher Hinsicht demonstriert die Untersuchung damit den Anspruch des IRS, Prozessperspektiven in der Raumentwicklung zu verfolgen und das Potenzial von "Geschichte als Ressource" auszuloten. Dieses Potenzial lässt sich geradezu spektakulär, aber landschaftspolitisch logisch etwa an der Beobachtung ablesen, dass sich die heutigen Leitbilder zur ökologischen Entwicklung des Oberrheins sehr stark auf historische Referenzzustände beziehen, so dass es bei der Rückgewinnung von Überschwemmungsflächen tendenziell zu einer "Rückabwicklung" früherer Landschaftsveränderungen kommt. Historische Reflexivität hat damit die handlungsorientierende Funktion von Zukunftsentwürfen und Utopien teilweise abgelöst bzw. ergänzt und spielt heute auch für viele Praktiker der Raumentwicklung eine wichtige Rolle bei der Zielfindung und Strategiebildung.

BERNHARDT, Christoph (2016): Im Spiegel des Wassers. Eine transnationale Umweltgeschichte des Oberrheins (1800-2000). Umwelthistorische Forschungen, Band 5. Köln, Weimar, Wien. Böhlau. 569 Seiten.

Foto: aus Bernhardt, Christoph (2016): Im Spiegel des Wassers