14. Oktober | 2016

Eine Frage der Wahrnehmung: Krisen und Resilienzen in Städten und Regionen

Ein Essay von Heiderose Kilper und Gabriela Christmann.

Eine Krise kommt selten allein. Auf dieses geflügelte Wort könnte man die Zunahme und die Verdichtung krisenhafter Erscheinungen in der heutigen Zeit zuspitzen. Angesichts wiederkehrender Finanz- und Wirtschaftskrisen, einer chronischen Austerität in zahlreichen Kommunen und Landkreisen, krisenhafter Erscheinungen infolge des demografischen Wandels, des Klimawandels, der globalen Migration und sozialer Polarisierungen stehen vor allem Städte und Regionen vor großen Herausforderungen. Hierfür sind neuartige Lösungsansätze gefragt, die zur Krisen-Robustheit beitragen oder, anders gesagt, Resilienz ermöglichen. Am IRS erforschen wir daher die Transformation von Städten und Regionen auch unter dem Aspekt von „Krisen und Resilienzen“. Wir möchten die Krisen-Dynamiken, Krisen-Interdependenzen und Mechanismen der Krisen-Bewältigung verstehen und herausarbeiten, was Faktoren für erfolgreiche Resilienzbildungen sind.

Ein konzeptioneller Grundgedanke drängt sich bereits in der Beobachtung von Krisen und dem Um-gang von Städten und Regionen mit diesen auf. Dass Krisen immer häufiger auftreten, scheinbar so eng miteinander verflochten sind und – inhaltlich, räumlich und zeitlich – ineinander übergehen, verweist auf ihren gesellschaftlichen Kern. Krisen sind nicht mit Naturgewalten vergleichbar, dürfen also nicht essenzialistisch gedacht werden. Krisen, wie wir sie verstehen, sind im doppelten Sinne gesellschaftlich „gemacht“: Zum einen sind sie Ergebnisse gesellschaftlicher Dynamiken und dürfen nicht losgelöst von menschlichem Handeln betrachtet werden. Zum anderen erlangen sie ihre gesellschaftliche Realität als „Krise“ erst dadurch, dass Akteure entsprechenden Erscheinungen reflexiv ihre Aufmerksamkeit zuwenden, sie als problematisch wahrnehmen und explizit als „krisenhaft“ thematisieren. Diesen konstruktivistischen Zugang haben wir in den vom IRS mit-initiierten Leibniz-Forschungsverbund „Krisen einer globalisierten Welt“ eingebracht und damit zu Weiterentwicklung von Krisenkonzepten aus der Perspektive einer raumbezogenen Sozialforschung beigetragen.

Entscheidend für die IRS-Forschung ist, die Entstehung, Dynamiken und Interdependenzen von Krisen systematisch und zusammen mit der Art und Weise zu erforschen, wie Menschen und gesellschaftliche Gruppen, Akteure und Organisationen damit umgehen. Umgang, das kann eine gute Vorbereitung auf eine antizipierte Krisensituation sein (Vermeidung oder Abmilderung) oder eine schnelle und effektive Reaktion zur Aufrechterhaltung gesellschaftlich relevanter Systeme. Nicht zuletzt spielen auch langfristige Folgen und Umbauten gesellschaftlicher Systeme eine Rolle. All dies lässt sich mit dem Begriff Resilienzbildung zusammenfassen. Auch hier ist für die IRS-Forschung der konstruktivistische Zugang zentral: Wahrnehmungen von „einer“ Krise können von Gesellschaft zu Gesellschaft und auch zwischen Akteuren verschiedener gesellschaftlicher Bereiche (etwa aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft) unterschiedlich sein, was zu Problemen bei der kollektiven Verarbeitung von Krisen führen kann – nicht nur auf globaler Ebene, sondern auch zwischen oder innerhalb von Regionen. Nicht selten ist eine Reaktion auf eine Krise die Ursache einer zweiten, ist eine scheinbare Lösung in der Wahrnehmung anderer Akteure eine neue, mitunter sogar noch bedrohlichere Krise. Wir haben es also nicht nur mit sozial konstruierten Krisen zu tun, sondern auch mit Resilienzkonstruktionen aufgrund selektiver Wahrnehmungen.

Diese konzeptionellen Befunde erweisen sich in der Praxis als große Herausforderung: Was ist zu tun, um Krisen zu vermeiden, ihre Eigendynamiken zu bremsen und mit den Folgen im gesamtgesellschaftlichen Sinne sinnvoll umzugehen – wenn jeder potenziell etwas anderes als bedrohlich wahrnimmt und auch Bewältigungsmechanismen nicht per se für alle in gleicher Weise positiv bewertet werden können? Für Städte und Stadtregionen hat sich seit circa zehn Jahren, mit dem Erscheinen von Werken wie „The Resilient City – How Modern Cities Recover from Disaster“ (Vale & Campanella, 2005) und „Resilient Cities – Responding to Peak Oil and Climate Change“ (Newman et al., 2009) ein internationaler wissenschaftlicher Diskurs etabliert. In Deutschland wird die Debatte um Resilienzbildung und Maßnahmen zur Resilienzförderung ab 2010 sichtbar – von Beginn an unter Beteiligung des IRS. Im Rahmen eines Gutachtens zu resilienten Städten für das Forschungsforum Öffentliche Sicherheit an der Freien Universität Berlin haben wir 2015 den Forschungsstand systematisch ausgewertet und vor allem folgende Faktoren identifizieren können, die Resilienz befördern: Redundanz, Vielfalt, Flexibilität/Anpassungsfähigkeit und in diesem Zusammenhang auch Innovationsfähigkeit.

Bei einer Redundanz handelt es sich um das mehrfache Vorhandensein ähnlicher Elemente, die jeweils für sich in der Lage sind, ein und dieselbe Funktion zu erfüllen. Bei Wegfall eines der Elemente können andere Elemente den Wegfall zumindest teilweise kompensieren, etwa im öffentlichen Nahverkehr. Neben einer Redundanz von ähnlichen Elementen ist die Vielfalt, d.h. das Nebeneinander verschiedener Elemente, von Bedeutung. Das Vorhandensein verschiedener Branchen in einer Stadtökonomie kann zum Beispiel dafür sorgen, dass der Schaden für eine Stadt durch den Wegfall eines Geschäftszweiges eher zu bewältigen ist. Inzwischen besteht ein Konsens darüber, dass resiliente Gesellschaften zudem flexibel reagieren und die Fähigkeit besitzen müssen, sich an sich wandelnde Bedingungen ständig dynamisch anzupassen. Lange ging man zuvor davon aus, dass sich eine resiliente Einheit dadurch auszeichnet, dass sie nach einer Störung in den Ausgangszustand zurückspringen („bounce back“) und den Status quo weiter halten kann. Heute wird hervorgehoben, dass für die Herstellung von Krisenfestigkeit und Resilienz Innovationsfähigkeit vonnöten ist, also die Fähigkeit, den Status quo zu überwinden und neuartige Lösungen zu entwickeln.

Eine Krise kommt also selten allein. Eine Lösung dafür ebenso nicht. Die Komplexität der Krisen, ihre gesellschaftlichen Dynamiken, die Selektivität der Wahrnehmungen beteiligter Akteure und Gruppen – all dies erschwert es, einfache Rezepte für die Krisenfestigkeit von Städten und Regionen zu finden. Erfolgreiche Resilienzbildungen sind aber möglich, wenn die gesellschaftlichen Diskussionen über Krisen und ihre Folgen lebendig bleiben und die Maßnahmen von Planungsakteuren und Stakeholdern auf Qualitäten wie Redundanz, Flexibilität oder Innovationsfähigkeit abgeklopft werden.

Foto: © 1000 Words