29. September | 2016

Zwischen Emanzipation und Dreifachbelastung: Studie zu Architektinnen in der DDR

Im Jahr 1960 gewann die junge Architektin Iris Dullin-Grund den Wettbewerb für ein „Haus der Bildung und Kultur“ in Neubrandenburg. Zehn Jahr später wurde sie Stadtarchitektin der Stadt und behielt diese Position bis zur Wende. 1969 wurde sie zudem in das Plenum der Bauakademie der DDR gewählt. War Dullin-Grund damit ein herausragendes Einzelbeispiel für eine Frau, die es in der Männerdomäne Architektur geschafft hatte, oder ein Beleg für die Emanzipation der Frauen in der ehemaligen DDR? Beides ist korrekt, hat Historiker Dr. Harald Engler vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) herausgefunden. Seine Studie zur historischen Bedeutung von Architektinnen in der DDR ist kürzlich im Buch „Ideological Equals. Women Architects in Socialist Europe 1945-1989“ erschienen.

Heute sind etwa ein Drittel der 100.000 in Deutschland aktiven Architekten Frauen. Dies war nicht immer so, vor dreißig Jahren waren es in der BRD nur rund 10 Prozent. In der damaligen DDR machten Architektinnen jedoch zum gleichen Zeitpunkt bereits rund ein Viertel aller in diesem Beruf Tätigen aus. Diese Zahlen sind kein Sonderfall, sie korrelieren mit dem Anteil der weiblichen Studentinnen an den Universitäten (50,3 Prozent im Jahr 1986) und der Beschäftigtenquote von Frauen (92 Prozent im Jahr 1981). Die wachsende Zahl von weiblichen Architekten sieht Dr. Harald Engler in bemerkenswerten Fördermaßnahmen des Staates begründet, Frauen in den Architektenberuf und in andere technische Disziplinen zu bringen. „Es wurden beispielsweise ausschließlich weiblich besetzte Sonderklassen an Universitäten und Technischen Hochschulen eingerichtet, die Organisation der Lehrpläne und Prüfungen orientierte sich explizit am Bedarf von schwangeren Frauen oder von Frauen mit kleinen Kindern“, so Engler. Diese und weitere Maßnahmen stehen im Kontext einer sozialistischen Idealvorstellung der arbeitenden Frau und der weitgehenden Gleichstellung im Beruf.

Doch auch am Architektenberuf zeigt sich, dass ein sehr zwiespältiges Resümee aus der Geschichte der Gleichstellung von Frauen in der DDR zu ziehen ist. Iris Dullin-Grund war für die Staatsführung ein in den Medien zelebriertes Vorzeigebeispiel für Erfolge in der Emanzipation, doch Karrieren wie die ihre war unter Architektinnen eine große Ausnahme. „Sie schafften es so gut wie nie in Führungspositionen im Bund deutscher Architekten, der Bauakademie oder der Kollektive“, berichtet Engler. „Vielmehr arbeiteten sie häufig in der zweiten Reihe oder in Teilsegmenten wie Landschaftsarchitektur und Denkmalpflege.“ Dullin-Grund war die eine von insgesamt nur zwei Frauen unter den 120 Mitgliedern, die im Verlaufe seiner vierzigjährigen Geschichte in das Plenum der Bauakademie gewählt wurden. Zur Stadtarchitektin, dem renommiertesten Posten für Architekten in der DDR, brachten es nur drei Frauen.

Engler stellte in seiner Studie mit Hilfe von Interviews auch Nachforschungen zu den Sichtweisen der DDR-Architektinnen auf diese Fragen an. Zu seiner Überraschung fühlten sich diese kaum benachteiligt oder diskriminiert, auch nicht in Bezug auf die Vergabe wichtiger Posten. Vielmehr ist die Auffassung verbreitet, die Frauen hätten diese Positionen gar nicht angestrebt. „Der Parteidruck, der damit verbunden war, und die noch immer vorhandene Dreifachbelastung aus Beruf, Kindererziehung und Haushalt, hat die Architektinnen stärker beeinflusst, als sie es für sich akzeptieren wollen“, schlussfolgert Engler. „Der Eindruck des Widerspruchs zwischen deklarierter Egalität der Geschlechter und entsprechenden Fördermaßnahmen und der Selbstverständlichkeit der genannten Dreifachbelastung erhärtet sich durch die Interviews, die ich im Zuge der Studie mit Architektinnen geführt habe.“ Auch die informellen Netzwerke von Architektinnen, auf die Engler Hinweise gefunden hat, werden von diesen in Abrede gestellt.

Für seine Studie stützte sich Engler auf das am IRS archivierte, nahezu vollständige Verzeichnis aller DDR-Architektinnen. Für das Projekt „DigiPortA“ wurden kürzlich sämtliche Aufnahmeanträge in den Bund deutscher Architekten der DDR digitalisiert. Die Studie ist damit ein Beispiel für die Verzahnung von wissenschaftlichem Sammeln und Archivieren und historischer Forschung, wie sie in der Historischen Forschungsstelle des IRS praktiziert wird.

Im Buch „Ideological Equals. Women Architects in Socialist Europe 1945-1989“ wird ein umfassender Blick auf die Situation von Architektinnen in osteuropäischen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg geworfen. Die Lage in der DDR unterschied sich sehr weitgehend von jener in der BRD, aber auch zwischen den sozialistischen Staaten gab es eklatante Unterschiede. Neben länderbezogenen Darstellungen konzentrierten sich mehrere Beiträge in dem Buch auf Einzelpersonen in ihrem spezifischen Lebenskontext.

Engler, H. (2016). Between state socialist emancipation and professional desire: Women architects in the German Democratic Republic, 1949-1990. in M. Pepchinski, & M. Simon (Hrsg.), Ideological Equals: Women Architects in Socialist Europe 1945-1990. (1. publ. Aufl., S. 7-19). Abingdon [u.a.]: Routledge.