01. Juni | 2016

Was kommt nach dem Cluster?

Neue Perspektiven auf regionale Innovationspolitik im 41. Regionalgespräch

Innovationen gelten im Rahmen von Regionalpolitiken nach wie vor als Treiber für Wachstum. Mit Innovationen lassen sich sozial- und wirtschaftsräumliche Wettbewerbsvorteile erzielen. Doch braucht es inzwischen eine neue Sicht auf die Eckpfeiler einer zeitgemäßen Innovationspolitik. Seit mindestens zwei Jahrzehnten steht nämlich schon das Clustermodell Pate für Politiken der Innovationsförderung. Und das mit bestenfalls gemischtem Erfolg. Während des 41. Regionalgesprächs des IRS am 19. Mai 2016 diskutierten in Erkner Forschende und Praktiker deshalb unter dem Begriff ‚Open Region‘ aktuelle Schwerpunkte, Erweiterungen aber auch Probleme des Clusteransatzes.

Neben den IRS-Wissenschaftlern Prof. Dr. Oliver Ibert und Dr. Felix Müller gaben Prof. Dr. Robert Hassink (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel), Dr. Peter Eulenhöfer (ZAB ZukunftsAgentur Brandenburg GmbH) und Eileen Schuldt (Amt für regionale Landesentwicklung Braunschweig) Impulse für die Diskussion. Robert Hassink kritisierte gleich eingangs, die Fokussierung der regionalen Innovationspolitik auf stets gleiche Erfolgsregionen – im Sinne von scheinbar nachahmenswerten Best-Practice-Beispielen – habe inzwischen zu einer Standardisierung der regionalen Innovationsförderung geführt. Aus Sicht der ZukunftsAgentur Brandenburg betonte Peter Eulenhöfer, dass in der Praxis der Clusterbegriff sehr flexibel gehandhabt werde: „Über den Austausch zu Clustern bilden sich vielfältige Handlungsräume, in denen gemeinsame Aktivitäten angeregt und realisiert werden“. Um Interaktion und Lernen zu befördern, müssten diese Räume „überschaubar, ungewöhnlich, temporär, flexibel, mobil, lokal – und vor allem vertrauensbildend sein“, so Eulenhöfer.

Im zweiten Teil des Regionalgesprächs machte Dr. Felix Müller vom IRS deutlich, wie der Open-Region-Ansatz im Unterschied zum Clustermodell von neuen Grundannahmen ausgeht: „Die Kernelemente des Clustermodells, welche die hohe Bedeutung räumlicher Nähe für Innovationsprozesse hervorheben, sollten vor dem Hintergrund der Möglichkeiten zur medienvermittelten Interaktion über das Internet hinterfragt werden. Auch zeigen unsere jüngeren Forschungen, dass Innovationsprozesse in der Regel mobil, multi-lokal und über räumliche Distanzen hinweg organisiert sind“. Territorien, so Müller weiter, seien damit heutzutage weniger dauerhafte Arenen sondern eher Ausgangspunkte, Durchgangsstationen und „lokale Anker“ von Innovationsprozessen. Zu sehen sei auch, dass clusterbasierte Politiken vor allem auf Unternehmen und technische Produktinnovationen ausgerichtet sind. Das im IRS entwickelte Konzept Open Region nehme hingegen auch Nutzer, Praktikergemeinschaften und Kulturtreibende als regionale Akteure in Innovationsprozessen ernst.  Eileen Schuldt vom Projektbüro Südniedersachsen des Amtes für regionale Landesentwicklung Braunschweig sprach sich in der Diskussion ebenfalls für ein offeneres Verständnis von regionaler Wirtschaftsförderung aus. Viele praktische Erfahrungen mit dem Südniedersachsenprogramm bestätigten Ideen aus dem Open-Region-Zugang des IRS. „Klassische, lineare Produktinnovationen spielen zwar eine wichtige, aber nicht die ausschließliche Rolle“, sagte Eileen Schuldt. Vielmehr würden auch soziale Innovationen sowie Dienstleistungsinnovationen in den Blick genommen. 

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen herkömmlicher Clusterpolitik und Open Region sieht Prof. Dr. Oliver Ibert, Leiter der IRS-Forschungsabteilung „Dynamiken von Wirtschaftsräumen“ in seinem Resümee am Ende des Regionalgesprächs: „Unsere Konzeption der Open Region erweitert den Fokus auf Dienstleistungs- und Prozessinnovationen“. Die in Open Region herausgearbeiteten politischen Maßnahmen hätten das Potenzial, sowohl die Innovationsfähigkeit regionaler Akteure als auch innovationsgetriebene regionale Entwicklungen zu stärken. Maßnahmen könnten auf allen Ebenen des staatlichen Mehr-Ebenen-Systems ergriffen werden: Auf der kommunalen und interkommunalen Ebene könnten Regionen als Handlungsräume konstituiert werden, während auf nationalstaatlicher oder internationaler Ebene geeignete Anreize für die Bildung regionaler Handlungsräume gesetzt werden müssten. Insgesamt hätte sich aber auch gezeigt, dass sich die Praxis von clusterbasierter Förderpolitik inzwischen so weit vom klassischen Clusteransatz entfernt, dass sich die Frage „Was kommt nach dem Cluster?“ nicht mehr wirklich stelle. Vielmehr sei wichtig, bei der Entwicklung in der Praxis Gedanken von Open Region einfließen zu lassen.