16. März | 2015

Zwischennutzung als Ausdruck eines konzeptionellen Wandels der räumlichen Planung?

Wer experimentiert, setzt für einen bestimmten Zeitraum die hergebrachten Rahmenbedingungen außer Kraft und sucht nach Erklärungen außerhalb der bisher bekannten Muster. Sowohl das Neuartige als auch das Temporäre scheinen – über alle Wissenschaften und Handlungskontexte hinweg – bestimmende Merkmale eines Experiments zu sein. Wie ein Experiment im städtischen Kontext aussehen kann und welche Bedeutung Innovationswille und zeitliche Befristung haben, erklärt Thomas Honeck im Gespräch mit Jan Zwilling am Beispiel eines Forschungsprojekt zu Zwischennutzungen.

Zwischennutzungen und „Urbane Experimente“ – wie passt das zusammen?

Ähnlich wie Labore, zeichnen sich viele Zwischennutzungen durch besondere Bedingungen im Vergleich zu den „alltäglichen“, eher auf Dauer angelegten Nutzungen aus. Dies sind beispielsweise die zeitliche Befristung, die baulichen Gegebenheiten der Vornutzung oder eine geringe Infrastrukturausstattung. Im Umgang damit finden Zwischennutzer oft außergewöhnliche, kreative Lösungen. Daher sind Architekten und Planer auf sie aufmerksam geworden. In einigen Fällen erweisen sich die Ergebnisse der Experimente aus Zwischennutzungen geeignet für andere Kontexte. Idealerweise bereiten sie Folgenutzungen vor oder werden sogar verstetigt. Im DFG-Projekt InnoPlan untersuchen wir das gesamte Verfahren der Zwischennutzung als eine Innovation in der räumlichen Planung – Planer experimentieren immer noch mit Zwischennutzungen.

Gibt es die Zwischennutzung als planerisches Element schon länger in deutschen Städten oder ist dies ein ein relativ neues Phänomen?

Temporäre Nutzungen fanden eigentlich schon immer in Städten statt. Vergleichen wir aber beispielsweise die traditionellen Schrebergärten entlang von Bahnlinien mit den urbanen Gemeinschaftsgärten von heute, so fällt auf, dass diese ganz anders verhandelt werden. Unsere Forschungen im Projekt InnoPlan zeigen, dass Zwischennutzungen seit den 2000er Jahren eine viel dynamischere Rolle in der Planung angenommen haben. Wesentlich dazu beigetragen haben Experimente mit Zwischennutzungen im Rahmen der IBA Emscher Park, erste strukturelle Förderungen in Leipzig genauso wie die faszinierende, bunte Berliner Zwischennutzungslandschaft der 2000er Jahre. Interessanterweise kommen Zwischennutzungen heute auch in prosperierenden Städten zur Förderung von kreativen Räumen zum Einsatz.

Eine Zwischennutzung scheint eine Abwägung zwischen Planung (von oben) und Freiräumen (von unten). Gibt es Beispiele für sehr stark planerisch geprägte Nutzungen und ebenso stark ungeplante?

Der Begriff Zwischennutzung impliziert bereits einen ausgeprägten rationalen und planerischen Anspruch. Dem gegenüber steht eine lebendige Szene von kulturaffinen Zwischennutzern, die sich nur ungern vereinnahmen lässt – und schon gar nicht Auslöser von Verdrängungseffekten sein will. Diese Diskrepanz begleitet die Planung mit Zwischennutzung seit ihren Anfängen. Und sie macht unsere Forschung so spannend! Im Zuge der Institutionalisierung des Verfahrens überführen Planer die temporären Nutzungen mehr und mehr ihrem etablierten Regelwerk. Gerade in aktuellen Projekten wie dem Tempelhofer Feld werden Zwischennutzungen stark kuratiert, was aber auch daran liegt, dass es sich um öffentliches Land handelt. Die hohen Besucherzahlen belegen, dass auch diese normalisierte Form der Zwischennutzung in Berlin großen Anklang findet.

Zwischennutzungen sind prinzipiell befristet. Man erhofft sich natürlich, gerade wenn man sie in Planungsverfahren einbezieht, einen längerfristigen Effekt. Wo könnten denn die Vor- und Nachteile von Zwischennutzung aus gesamtstädtischer Sicht liegen?

Insbesondere in den vergangenen zehn Jahren wurden in Deutschland intensive, praxisorientierte Debatten zu den Potentialen von Zwischennutzungen geführt. In einigen Beiträgen wird Zwischennutzung als neue Form der Bürgerbeteiligung verstanden – diese schafft eine starke Identifikation mit dem Ort, was abhängig von der Perspektive positiv oder negativ bewertet wird. Andere Autoren beschreiben Zwischennutzungen als eine der wenigen planerischen Optionen zur Schaffung von kreativen Räumen und neuen Raumbildern in der Stadt. Diese stellten nicht nur ein kulturelles Alleinstellungsmerkmal von Städten dar, sondern hätten in Anbetracht der Präferenzen von Kreativen auch eine ökonomische Bedeutung. Aus meiner Sicht ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt, dass durch Zwischennutzungen die Entscheidung zur Entwicklung von Grundstücken zeitlich verschoben werden kann. Wenn es sich um öffentliches Land handelt, geht diese oft mit einer Privatisierung einher.

Ich möchte noch einmal kurz auf die Akteure zu sprechen kommen. Wer sind denn typische Zwischennutzer? Holt sich die Planung bestimmte Akteure ins Boot, in das Netz der Stadtaktivitäten?

Unser breit gerichteter Blick im Projekt InnoPlan zeigt, dass man hier differenzieren muss. Bei Zwischennutzern denkt man typischerweise an die jungen, kreativen Raumpioniere, die mit viel Idealismus und wenig Geld ihr kultur- und wohlmöglich sozialgeprägtes Projekt umsetzen möchten. Solche Zwischennutzungen fallen im Stadtraum besonders stark auf und genießen Aufmerksamkeit in den Medien und der Fachliteratur. Klar, solche Persönlichkeiten sind auch für die Planung attraktiv. Nebenbei haben einige besonders erfolgreiche Raumpioniere ein regelrechtes Know-How über Zwischennutzungen aufgebaut und wenden dieses an, so zu sagen als „professionelle Pioniere“. In den vergangenen Jahren, beobachten wir allerdings eine Diversifizierung von temporären Raumnutzern: Bespielweise nutzen Seniorengruppen Räumlichkeiten vorübergehend. Ebenso zeigen Studien, dass Zwischennutzung wichtig für die Jugendarbeit sein kann.

Du hattest anfangs gesagt, dass Zwischennutzungen als planerische Verfahren relativ neu sind. Wie schätzt du die Zukunftsperspektiven der Zwischennutzung ein?

Im Rahmen von InnoPlan haben wir fünf Phasen im Innovationsprozess von neuartigen Verfahren der räumlichen Planung identifiziert. Die Zwischennutzungen befinden sich zurzeit einerseits in einer Phase der Stabilisierung, was wir daran festmachen, dass sie in Deutschland in unterschiedlichen Kontexten angewandt werden und das Planen mit Zwischennutzungen weitgehend institutionalisiert wurde. Andererseits beobachten wir, dass die Kritik an Zwischennutzungen von verschiedenen beteiligten Akteuren zunimmt: Sind Zwischennutzungsprojekte erfolgreich, steigert die Immobilie ihren Wert und die Nutzer müssen nicht selten weichen. Immer häufiger wird daher in letzter Zeit der Zusammenhang von Zwischennutzungen und Gentrifizierung explizit gemacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch der Volksentscheid zum Flughafen Tempelhof im Jahr 2013 seine Auswirkungen haben wird: Verwaltungen, Planer und Grundstückseigentümer werden sich nach diesem Urteil und den vielen Konflikten um das Ende von Zwischennutzungen gut überlegen, ob sie solche „Geister“ tatsächlich wieder rufen wollen.

…du denkst also, dass die Zeit der Zwischennutzungen vorbei ist?

Nein, vielmehr sehe ich eine Diversifizierung von den Planungsverfahren, die wir hier als Zwischennutzungen bezeichnen. In unterschiedlichen lokalen Kontexten werden sich „Mutationen“ des Verfahrens entwickeln, die unter anderem von den institutionellen Bedingungen, den Problemstellungen und den Erfahrungen mit dem Instrument abhängig sind. Außerdem kann die Kritik zu Erneuerungen des Verfahrens führen, die wir dann als Prozessinnovationen einordnen können. Ein interessantes Beispiel dafür ist das Berliner Holzmarktprojekt, in dem eine Stiftung ein brachliegendes Gelände erworben hat und es nun an die ehemaligen Zwischennutzer verpachtet. Dort wird jetzt eine neuartige Mischung aus kurz- und langfristigen, aus tendenziell öffentlichen und privaten Nutzungen entwickelt. Die Geschichte der Zwischennutzungen geht also hochspannend weiter, verzweigt sich allerdings in viele, parallel ablaufende Unterkapitel.

Können wir damit rechnen, dass durch die urbanen Experimente mit Zwischennutzungen zukünftig Beiträge zur Theoriebildung geleistet werden können?

Ja, ich denke schon. Räumliche Planung ist traditionell auf die Steuerung von Wachstum ausgerichtet. Nun geht es auch darum, Stagnations- und Schrumpfungsprozesse zu gestalten. Wir verstehen Zwischennutzungen als einen Ausdruck dieses konzeptionellen Wandels der Planung. Sicherlich können sie auch dazu anregen, den Aspekt der Zeitlichkeit in der Planungstheorie neu in Betracht zu ziehen. Nachdem die planungspraktische Debatte zu Zwischennutzungen in Deutschland einen gewissen Grad der Sättigung erreicht hat, ist es an der Zeit, über mögliche theoretische Ableitungen nachzudenken.