14. Dezember | 2023

Von Transfer zu Transformation

Regionalgespräch diskutiert neue Möglichkeiten für regionalen Wissenstransfer

Wissenschaftliche Einrichtungen sind Akteure der regionalen Entwicklung. Ihre Potenziale, wirtschaftliche und soziale Innovationen zu unterstützen, kommen immer stärker in den öffentlichen Blick. Auf dem 55. Brandenburger Regionalgespräch des IRS diskutierten am 8. November 2023 in Erkner Fachleute aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik neue Perspektiven für den Wissenstransfer. Dabei wurde klar, wie stark Transfer inzwischen als integraler Bestandteil in der Forschungsplanung und Praxis gesehen wird.

Während der dreistündigen Veranstaltung in den Räumen des IRS in Erkner wurden verschiedene Facetten des Themas beleuchtet und Bedarfe nach einem strukturellen Wandel in der Wissenschaft benannt. Moderiert von IRS-Kommunikationsreferent Felix Müller diskutierten die etwa 30 Teilnehmenden Impulsstatements, die von einem vierköpfigen Podium eingebracht wurden.

Zusammenspiel von Wissenschaft und gesellschaftlicher Innovationsfähigkeit

Suntje Schmidt, am IRS Leiterin des Forschungsschwerpunkts „Ökonomie und Zivilgesellschaft“, stellte das Policy Paper „Wissenstransfer als kritische Infrastrukturierung: Vier Thesen zur Gestaltung von Wissenstransfer als Zusammenspiel von Wissenschaft und gesellschaftlicher Innovationsfähigkeit“ vor. Schmidt und ihr Ko-Autor Tim Rottleb argumentieren im Paper, dass evidenzbasiertes Handeln heute für die Gesellschaft unverzichtbar ist. Das hat zuletzt eindrücklich die Corona-Pandemie gezeigt. Die Forschung nimmt deshalb die Rolle einer kritischen Infrastruktur für die Gesellschaft ein. Zugleich wird der klassische Weg, Wissen in Form von Patenten, Publikationen oder Beratung in die Praxis zu „transferieren“, den heutigen Bedarfen nicht gerecht. Wissenstransfer soll deshalb nicht mehr als Einbahnstraße verstanden werden. Stattdessen soll sie laufend mit der Gesellschaft in Kontakt sein und sich in Transformationsprozesse einbringen. Sie soll stärker als bisher üblich die Zivilgesellschaft als Partner ansprechen und sich verstärkt an sozialen Innovationen beteiligen, also an der Entwicklung neuer gesellschaftlicher Handlungsroutinen. Dabei soll sie sich an sich wandelnde Situationen und Anforderungen anpassen, benötigt also Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit. Aus eben diesem Grund sprechen die Autor*innen von Transfer als „kritischer Infrastrukturierung“.

Gestiegene Erwartungen versus Realität

„Wofür braucht eine Hochschule ein Transferlabor?“ Danach fragte provokant Hans-Hennig von Grünberg, Professor für Wissens- und Technologietransfer an der Universität Potsdam in seinem Statement. Einer Studie in Nature vom Januar 2023 zufolge haben nur etwa 2 Prozent der jährlich publizierten, wissenschaftlichen Artikel „eine irgendwie geartete Folge“. In der Mehrzahl der publizierten Artikel, so Grünberg, beschäftigt sich die Wissenschaft mit sich selbst. Vor dem Hintergrund der gestiegenen Erwartungen und Ansprüche an die Wissenschaft ist das für Grünberg „eine katastrophale Feststellung“, welche zu einer Legitimationskrise des gesamten Wissenschaftssystems führen könnte. Die Frage ist für ihn deshalb, wie man die Erkenntnisse und Ideen einer Universität wirksam „in die Welt“ bekommt. Die Universität Potsdam hat dafür das „innoFSPEC-Transferlabor“ ins Leben gerufen, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse so weiterentwickelt werden, dass sie eine klare Umsetzungsperspektive bekommen.

Rolle von Emotionen im Wissenstransfer

Alexandra Retkowski Leiterin des Fachbereichs „Soziale Dienstleistungen für strukturschwache Regionen“ an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg berichtete von der T!Raum-Initiative Alterperimentale, Alter-Peripherie-Experiment. Sie plädierte dafür, die Rolle von Emotionen im Wissenstransfer künftig stärker in den Blick zu nehmen. An dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt „Alterperimentale“ ist auch IRS-Alumnus Ludger Gailing beteiligt, heute Professor für Regionalplanung an der BTU Cottbus-Senftenberg. Das Projekt  „Alterperimentale“ entwirft Transferräume als Inklusionsräume. Dem zugrunde liegt eine an Beziehungen orientierte Erkenntnishaltung. Das bedeutet auch, dass ein Schwerpunkt der Arbeit auf die Analyse und Gestaltung von Emotionen, Konflikten und Diskursen gerichtet ist. Wissenstransfer sieht Alexandra Retkowski deshalb als eine stark an Inklusion, Anerkennung und Diversität ausgerichtete Praxis.

Hochschulnetzwerk für praxisorientierte Forschung

Vom Hochschulnetzwerk „Region als Campus im Elbe Valley“ berichtete schließlich Ingo Kollosche, Leiter des Forschungsfelds „Zukunftsforschung und Transformation“ am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT). In diesem Vorhaben soll ein Hochschulnetzwerk gezielt für praxisorientierte Forschung, Lehre sowie Wissens- und Erfahrungstransfer in der Elbe Valley Region aufgebaut und verstetigt werden. Dieses als Innovationsmotor dienende zukunftsfähige Netzwerk soll die Region zum Wissens-Campus formen. Zudem soll es eine langfristige Kooperation zwischen regionalen Akteuren wie Unternehmen, Wirtschaftsförderungen sowie Zivilgesellschaft befördern. Forschenden und Studierenden sowie weiteren Innovationsträger*innen und Lernwilligen wird damit die Möglichkeit geboten, die Region mit ihren Schlüsselakteur*innen und Netzwerken besser kennenzulernen. Auch ist das Projekt auf die Ableitung von transferierbaren Erkenntnissen für andere Regionen angelegt.

Viel Übereinstimmung

Die Diskussion verlief trotz einiger provokanter Thesen nicht konfrontativ, sondern brachte einen lebendigen Ideenaustausch hervor. In einem Themenfeld, das weithin als hoch relevant wahrgenommen wird, in dem aber über das altbekannte Cluster- und Technologietransfer-Vokabular hinaus noch große konzeptionelle Unsicherheit herrscht, stiftete die Runde im Konferenzraum des IRS einige Klärungen, viele neue Perspektiven und Rückversicherung über die Problemwahrnehmung der Teilnehmenden. Diese waren sich in vielen Punkten erstaunlich einig. Darüber, dass Wissenstransfer heute mehr sein muss als Technologietransfer, dass mittels sozialer Innovationen auch in gesellschaftliche Praktiken hinein gewirkt werden muss, wenn beispielsweise Nachhaltigkeitsziele erreicht werden sollen, herrschte weitgehend Konsens. Dankbar nahm die Runde auch die Erkenntnis auf, dass emotionale Arbeit und emotionale Kompetenzen in einer Zeit der gesellschaftlichen Polarisierung rund um Wissenschaftsthemen (etwa den Klimawandel) essenziell sind; nötig um wieder Dialog zu stiften, und wissenschaftsfernere Zielgruppen nicht durch eine Ansprache von oben herab abzuschrecken. Kommunikations- und Interaktionsformate müssen im Zentrum des Transfers stehen.

Viel Aufmerksamkeit erfuhr in diesem Zusammenhang die Rolle des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin. Wie gut passt sie zu diesen Anforderungen? Während die Forderung nach mehr Transfer häufig als eine Überforderung der Wissenschaftler*innen gedeutet wird, kam nun zur Sprache, dass die gesellschaftliche Relevanz in Wahrheit ein zentraler Motivator für Forschende ist, und dass die Anreizstrukturen des Wissenschaftssystem („Publish or perish!“) starkes Engagement im Transfer viel stärker behindern als die angebliche Nicht-Passfähigkeit zum Wissenschaftsberuf. Institutionelle Hürden für effektiven Wissenstransfer konnten denn auch zur Genüge aufgezählt werden: Publikationsdruck, Nichtbeachtung von Transfer bei Berufungen auf Professuren, begrenzte Projektlaufzeiten, die mühsam aufgebaute Beziehungen wieder abbrechen lassen, schlechte Beteiligungsmöglichkeiten für außerwissenschaftliche Organisationen in geförderten Projektverbünden und viele mehr.

Zugleich zeigten die auf dem Podium präsentierten Beispiele auch, dass es eine gewisse Veränderungsdynamik gibt, und dass von temporären Projekten zumindest zaghafte Impulse für langfristigen Wandel ausgehen. Ein im Regionalgespräch mehrfach angesprochenes Modell wurde im Verbundprojekt „InnovationHub 13“ erprobt, an welchem das IRS beteiligt war: die Position des Transferscouts. Gemeint ist damit ein wissenschaftliches Stellenprofil, das Forschungsarbeit und die proaktive Transferaktivitäten verbindet. Nach dem Auslaufen der Förderung Ende 2022 wurden an der verbundkoordinierenden Technischen Hochschule Wildau immerhin zwei Stellen für Transferscouts verstetigt.

Regionalgespräch
08. November | 2023

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13. November | 2023
Policy Paper regt Wandel im Wissenschaftssystem an

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