10. November | 2020

Schwerpunktheft von "Raumforschung und Raumordnung": Call for Papers zum Thema „Chancen und Herausforderungen in ländlichen Räumen durch Digitalisierung“

Spätestens mit der Corona-Pandemie ist die Bedeutung digitaler Tools, der entsprechenden technischen Ausstattung und der Fähigkeit, damit umzugehen, auch in ländlichen Räumen, gestiegen. Neue Lösungsmodelle für das Leben in ländlichen Regionen, die durch digitale Anwendungen ermöglicht werden, sind jedoch schon seit einiger Zeit im Einsatz. Ein kommendes Schwerpunktheft der Fachzeitschrift „Raumforschung und Raumordnung“ hat das Ziel, aktuelle Chancen und Herausforderungen von Digitalisierung in ländlichen Räumen zu diskutieren und zu systematisieren.

Es gibt Initiativen, die die Mobilität der Landbevölkerung durch Car-Sharing-Apps verbessern, andere, die mittels Liefer-Apps die Versorgung organisieren und damit zur Vernetzung des Personen- und Güterverkehrs beitragen sowie Transportketten und Nahversorgung optimieren. Mittels Dorf-Apps werden verschiedene Formen der Nachbarschaftshilfe organisiert und neue Kommunikationswege ausprobiert. In Dörfern werden Coworking-Spaces mit Büroausstattung und Breitbandanschlüssen eingerichtet, um kreative Köpfe zusammenzubringen und neue Geschäftsideen zu unterstützen. Digitale Assistenzsysteme ermöglichen es, ältere Bewohnerinnen und Bewohnern auf dem Land so zu betreuen, dass medizinische Daten an die Arztpraxis übermittelt und Nachbarn im Notfall alarmiert werden können. Es scheint indes notwendig zu sein, spezifisch ländliche Ansätze für digitale Kompetenzen zu entwickeln. Die Ausbildung von lokalen Digitalexpertinnen und -experten, die in ihren Dörfern als Multiplikatoren fungieren, ist ein Beispiel dafür. Gleichzeitig kämpfen viele ländliche Räume noch immer mit Problemen der Breitband- und Mobilfunkausstattung, denn im Vergleich zu (Groß-)Städten ist für Telekommunikationsunternehmen die Anbin-dung von Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte meist weniger attraktiv. Dies führt mitunter zu De-Synchronisationserfahrungen, Frustration und dem Gefühl des Abgehängtseins bei der Landbevölkerung.

Trotz der vielen Beispiele und der Dringlichkeit des Themas ist der akademische Diskurs deutlich weniger entwickelt als der in Politik und Praxis, auch wenn zunehmend mehr Literatur zu Digitalisierung in ländlichen Räumen vorliegt (z.B. Zerrer/Sept 2020; Lytras/Visvizi/Mudri 2019; Martin/Tulla 2019; Matern/Binder/Noack 2019; Ievo-li/Belliggiano/Marandola et al. 2019; Townsend/ Wallace/Fairhurst 2015). Konzeptionelle Ansätze und die verwendete Terminologie sind noch immer unsystematisch. Während Smart-City-Konzepte auch kritisch betrachtet werden, sei es wegen ihrer Abhängigkeit von (global agierenden) IT-Unternehmen und einem neuen Einfluss dieser Unternehmen auf die Stadtentwicklung (z.B. Bauriedl/Strüver 2018) oder den „paternalistischen und marktgetriebenen Vorstellungen von intelligenten Bürgern“ (Cardullo/Kitchin 2019), konzentrieren sich die Debatten zu smarten Dörfern vor allem auf die Chancen der Digitalisierung oder warnen vor einem digitalen Stadt-Land-Gefälle.

Bisherige Forschungen zu ländlichen Digitalisierungen tendieren somit insgesamt eher zum Deskriptiven und Pragmatischen als zum Analytischen und Theoretischen. Gleichzeitig wird auch in den Raumwissenschaften das theoretische Konzept der (digitalen) Mediatisierung zunehmend fruchtbar gemacht, um Veränderungen räumlicher Anordnungen zu verstehen (Christmann/Singh/Stollmann et al. 2020), beispielsweise im Sinne einer Re-Figuration von Räumen durch Digitalisierungs- und Mediatisierungsprozesse (Knoblauch/Löw 2020). Ländliche Räume wiederum spielen in diesen theoretischen Debatten bisher kaum eine Rolle.

Das Schwerpunktheft hat das Ziel, aktuelle theoretische und konzeptionelle Perspektiven, methodische Ansätze sowie Fallstudien und empirische Beispiele zu versammeln, um Chancen und Herausforderungen von Digitalisierung in ländlichen Räumen zu diskutieren und zu systematisieren.

Themen können unter anderem sein:

-    Smart Countryside
-    Neue (digitale) Akteure und Governance-Konstellationen in der ländlichen und regionalen Entwicklung
-    Co-Working und Homeoffice auf dem Land
-    Digitale Multilokalität: Leben und Arbeiten zwischen Stadt und Land
-    Digitales bürgerschaftliches Engagement in ländlichen Räumen
-    Daseinsvorsorge durch Digitalisierung
-    Digitale Planungs- und Beteiligungsinstrumente für die ländliche Entwicklung
-    Stärkung digitaler Kompetenzen älterer Landbewohnerinnen und -bewohner
-    Folgen der Corona-Pandemie für die ländliche Digitalisierung

Artikel können als „Beitrag“ oder „Politik- und Praxis-Perspektiven“ eingereicht werden (siehe „Hinweise für Autorinnen und Autoren“ der Zeitschrift).

Geplante Publikation: Heft 2/2022

Abstract Submission: 30. November 2020
Entscheidung über Abstracts: 18. Dezember 2020
Artikeleinreichung: 30. April 2021
Geplantes Erscheinen des Sonderhefts: April 2022

Guest Editors / Heftinitiatorinnen
Ariane Sept und Gabriela Christmann (IRS)

Interessierte Autorinnen und Autoren werden gebeten, ein einseitiges, strukturiertes Abstract (mit Arbeitstitel, Forschungsfragen, Neuigkeitswert, Methodik und erwarteten Ergebnissen) einzureichen und per E-Mail an ariane.sept@leibniz-irs.de und gabriela.christmann@leibniz-irs.de zu senden.


Literatur

Bauriedl, S.; Strüver, A. (Hrsg.) (2018): Smart City. Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Städten. Bielefeld.

Cardullo, P.; Kitchin, R. (2019): Being a ‘citizen’ in the smart city. Up and down the scaffold of smart citizen participa-tion in Dublin, Ireland. In: GeoJournal 84, 1, 1-13. doi: 10.1007/s10708-018-9845-8

Christmann, G.; Singh, A.; Stollmann, J.; Bernhardt, C. (2020): Visual Communication in Urban Design and Planning: The Impact of Mediatisation(s) on the Construction of Urban Futures. In: Urban Planning 5, 2, 1–9. doi: 10.17645/up.v5i2.3279.

Ievoli, C.; Belliggiano, A.; Marandola, D.; Milone, P. Ventura, F. (2019): Information and Communication Infrastruc-tures and New Business Models in Rural Areas. The Case of Molise Region in Italy. In: European Countryside 11, 4, 475-496. doi: 10.2478/euco-2019-0027

Knoblauch, H.; Löw, M. (2020): The Re-Figuration of Spaces and Refigured Modernity – Concept and Diagnosis. In: Historical Social Research 45, 2, 263-292. doi: 10.12759/HSR.45.2020.2.263-292

Lytras, M.; Visvizi, A.; Mudri, G. (Hrsg.) (2019): Smart Villages in the EU and beyond. Bingley.

Martin, A.V.; Tulla, A.F. (2019): Innovation, Spatial Loyalty, and ICTs as Locational Determinants of Rural Develop-ment in the Catalan Pyrenees. In: European Countryside 11, 4, 517-540. doi: 10.2478/euco-2019-0029

Matern, A.; Binder, J.; Noack, A. (2019): Smart regions. Insights from hybridization and peripheralization research. In: European Planning Studies 6, 1, 1-18. doi: 10.1080/09654313.2019.1703910

Townsend, L.; Wallace, C.; Fairhurst, G. (2015): ‘Stuck Out Here’. The Critical Role of Broadband for Remote Rural Places. In: Scottish Geographical Journal 131, 3-4, 171-180. doi: 10.1080/14702541.2014.978807

Zerrer, N.; Sept, A. (2020): Smart Villagers as Actors of Digital Social Innovation in Rural Areas: Analysis of Two Case Studies. In: Urban Planning 5, 4, 78-88. doi: 10.17645/up.v5i4.3183