10. September | 2021

Neuer Leibniz-Forschungsverbund „Wert der Vergangenheit“ nimmt Arbeit auf

Am 1. September 2021 nahm der neue Leibniz-Forschungsverbund „Wert der Vergangenheit“ seine Arbeit auf. In ihm vereinen sich 20 Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft, deren Spektrum von den geschichts- und kulturwissenschaftlichen über die sozial- und umweltwissenschaftlichen Institute bis hin zu den Forschungsmuseen reicht. Das IRS ist mit seiner Historischen Forschungsstelle im Verbund vertreten.

Denkmalstürze und Aufarbeitungsskandale, vergangenheitspolitische Revisionsforderungen oder Restitutionskonflikte, Debatten über den Epochencharakter des Anthropozäns oder Auseinandersetzungen über das koloniale Erbe der naturwissenschaftlichen Vermessung der Welt – sie alle eint eins: Die Frage, welchen Wert und welche Werte Gesellschaften der Vergangenheit zuschreiben, nimmt einen immer größeren Raum in Debatten über unser gesellschaftliches Selbstverständnis ein. Der Leibniz-Forschungsverbund „Wert der Vergangenheit“ widmet sich nun dieser Frage. Getreu dem Leibniz-Motto „Theoria cum praxi“ verbindet sich hiermit das gesellschaftspolitische Anliegen, die den aktuellen Transformationsprozessen zugrundeliegenden, oftmals verdeckten Ordnungen des Wissens offenzulegen und somit ein vertieftes Verständnis für diese Prozesse zu erzeugen.

Die Idee und das Konzept gingen zurück auf die erfolgreiche Arbeit des Leibniz-Forschungsverbundes „Historische Authentizität“ (2013-2020), an dem die Historische Forschungsstelle des IRS ebenfalls beteiligt war. Der neue Forschungsverbund unterscheidet sich strukturell deutlich von seinem Vorgänger: Die Forschungen werden nun in neun autonom agierenden Arbeitsgruppen, so genannten Labs, durchgeführt.

Das IRS bringt sich in drei Labs ein: Das Lab „Materialität und Medialität“ fragt nach dem Verhältnis physischer Objekte – etwa Ausstellungsstücken in Museen – und (multi-)medialer, auch digitaler Repräsentationen bei der Herstellung von Deutungen der Vergangenheit. Das Lab „Digitale Heuristik und Historik“ widmet sich der Frage der Vergangenheitsaneignung im digitalen Zeitalter vor allem mit Blick auf Archive. Das Lab „Dynamische Räume“, koordiniert von Christoph Bernhardt, Leiter der Historischen Forschungsstelle des IRS, und Johannes Paulmann, Direktor des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte, untersucht in historischer, raum- und bildungswissenschaftlicher Perspektive, wie Raumbeziehungen historische Wertehorizonte bestimmen und diese umgekehrt Raumvorstellungen prägen. Es nimmt vor allem Europa in seinen globalen und kolonialen Bezügen in den Blick.

Der Forschungsverbund ist zunächst für vier Jahre genehmigt. An ihm wirken etwa 50 nationale und internationale Forschungseinrichtungen mit: 15 Vollmitglieder, die der Leibniz-Gemeinschaft angehören, darunter Forschungsmuseen sowie geschichts- sozial- und kulturwissenschaftliche Institute; fünf assoziierte Mitglieder, ebenfalls aus der Leibniz-Gemeinschaft; und schließlich ca. 30 internationale Universitäten, Institute, Museen und andere akademische Einrichtungen, die den Verbund als Kooperationspartner unterstützen. Die Federführung des Forschungsverbundes liegt beim Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF).

 

Dieser Text basiert in Teilen auf einem Beitrag von Dr. Torsten Meyer vom Deutschen Bergbaumuseum vom 30.04.2021: www.bergbaumuseum.de/news-detailseite/wert-der-vergangenheit-neuer-leibniz-forschungsverbund-genehmigt

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23. Juli | 2020 | Aktuelles

Direkt neben dem Turm der barocken Garnisonkirche in der Potsdamer Dortustraße steht das 1971 fertiggestellte Gebäude des Datenverarbeitungszentrums des Volkseigenen Betriebs „Maschinelles Rechnen“. Die im Zweiten Weltkrieg beschädigte und 1968 gesprengte Garnisonkirche wird derzeit mit öffentlichen und privaten Mitteln wiederaufgebaut. Das „Rechenzentrum“, derzeit noch kulturell genutzt, ist dagegen ein Abrisskandidat. Warum ist das so? Im Juni 2020 nahm der internationale Projektverbund „UrbAuth“ unter Leitung der Historischen Forschungsstelle des IRS die Arbeit auf. Das Projekt will klären, wie Städte heute in ihrer Baupolitik historische Authentizität herzustellen versuchen, und warum dabei immer wieder bestimmte Epochen als Identifikationspunkte herangezogen werden, während die Spuren anderer Epochen aus den Stadtbildern verschwinden. mehr Info